Wie jedes Jahr beginnt meine Weinreise in der Pfalz. Die ersten Monate gehören den Fassproben, den Gesprächen im Keller und diesem langsamen, genauen Erfassen eines Jahrgangs. Oder, wie bei den Seckinger-Brüdern, den frisch gefüllten Weinen des Vorjahres. Seckinger 2024 steht jetzt kurz vor dem Release.

Max Kaindl, 25. Januar 2025
Lesezeit etwa 7 Minuten

Seckinger 2024 –
unverkennbar eigenständig

Erfolgreiche Revolution oder Verfall in alte Zeiten?

Beim Weingut Seckinger zeigt sich 2024 als logische Fortsetzung dessen, was 2023 eingeleitet wurde. Der zweite Jahrgang nach dem Stilwechsel. Oder besser: nach der Rückbesinnung auf einen neuen alten Kern. Straffer, salziger, komplexer. Und vor allem: bemerkenswert balanciert. Das ist kein hektisches Nachjustieren, kein „wir probieren mal“. Die Weine lassen eine klare Linie, Fokus erkennen.

Was mich jedes Jahr aufs Neue beeindruckt ist die Stringenz der Kollektion. In sich stimmig. Und das ohne auch nur ansatzweise die erfolgreichen Stilistiken der großen Namen der Region zu kopieren. Wer Seckinger einmal bewusst getrunken hat, erkennt die Weine wieder. Diese Wiedererkennbarkeit ist keine Selbstverständlichkeit. Sie ist das Ergebnis von Konsequenz und kontinuierlichem Feinschliff der eigenen Idee von Wein. Und genau daran scheitern viele.

Die Weine von Seckinger 2024 sind frisch, zugänglich, oft von gut eingebundener Reduktion geprägt, vertikal gedacht, saftig im Kern. Ein Jahrgang, der nicht laut sein muss, um Wirkung zu entfalten.

Meine Tasting Notizen

Riesling

In der oberen Petershöhle Riesling, 2024

Ein Wein, der nicht spricht, sondern flüstert. Dunkel, pfeffrig, mit enormer Eigenständigkeit. Die Frucht ist fein, zurückgenommen, fast schwebend über einer dichten, sehr festen Struktur. Alles wirkt in sich ruhend, gesammelt, präzise. Die Salzigkeit ist dezent, aber konstant präsent. Im reduktiven Finish zeigt sich enorme Tiefe.

Ein leiser Riese, der sich Zeit lässt, bevor er sein volles Prozential zeigen wird.

Ölberg Riesling, 2024

Deutlich dunkler in der Anmutung als der Reiterpfad. Würzig, fast erdig, mit Tiefe und Ernsthaftigkeit. Am Gaumen straff, salzig, sehr stringent gebaut. Der Körper wirkt fest, kompakt, ohne jede Weichzeichnung. Das Finish ist lang, dicht, würzig-salzig und fordernd.

Ein Wein, der nicht auf Charme setzt, sondern auf Struktur. Braucht Aufmerksamkeit, gibt dann viel zurück.

1 Tal Riesling, 2024

Hier greift alles ineinander. Das Holz ist spürbar, aber perfekt integriert, gibt Form und Tiefe, ohne sich aufzudrängen. Reduktiv geprägt, sehr konzentriert, mit rassiger Säure und einem festen, fast stoischen Kern. Der Wein ist extrem salzig, zupackend, mit enormem Grip. Das Finish wirkt wie in Stein gemeißelt: würzig, trocken, sehr lang.

Ein Riesling mit echtem Anspruch und klarer, sehr eigenständiger Richtung.

Reiterpfad Riesling, 2024

Hier wird es würziger. Kräutrig unterlegt, dazu florale Anklänge und eine saftige, gelblich anmutende Frucht, die Tiefe bringt, ohne Schwere. Der Wein zieht sich vertikal über den Gaumen, wirkt fokussiert, mit feinem Salz im Hintergrund. Die Säure ist präsent, aber gut eingebunden, die Struktur klar.

Kein lauter Reiterpfad, sondern einer mit Substanz und Länge, der sich mit Luft weiter öffnet.

Langenmorgen Riesling, 2024

Jugendlich, saftig, zunächst etwas offen und fast fragil wirkend. Der Wein zerfließt leicht am Gaumen, bevor er im Finish überraschend zupackt. Mit Luft gewinnt er deutlich an Salz und Würze, die Struktur zieht nach. Noch nicht ganz sortiert, aber mit klar erkennbarem Potenzial.

Ein Langenmorgen, der Zeit braucht und sie verdient.

Kieselberg Riesling Wurzelecht, 2024

Das ist Präzision auf höchstem Niveau. Brutal klar, vertikal gedacht, salzig bis ins Mark. Dunkel, würzig, dabei unglaublich fein und tänzelnd. Die Reduktion ist da, aber hoch elegant eingebunden. Alles wirkt vibrierend, elektrisierend, fast schwebend und dennoch enorm dicht. Die Länge ist beeindruckend, der Nachhall fein und ruhig. Ein Wein, der nicht laut sein muss, um Größe zu zeigen.

Für mich einer der stärksten Weine der Kollektion und einer meiner deutschen Highlights aus dem Jahrgang 2024.

Kirchberg Riesling Vinotheksfüllung, 2024

In der Nase zunächst leicht laktisch, was dem Wein eine gewisse Weichheit gibt. Am Gaumen dann saftig, fast einen Moment zu breit wirkend, bevor die Säure übernimmt und den Wein wieder einfängt. Kein Druckmonster, sondern ein feiner, balancierter Kirchenberg, der mehr über Textur als über Spannung kommt. Elegant, zugänglich, mit guter innerer Ordnung.

Ein Wein, der früh Freude macht, ohne banal zu sein.

Herrgottsacker Riesling, 2024

Der Auftakt wirkt bewusst offen und einladend. Saftig, klar, mit kühler Frische und einer lebendigen, gut integrierten Säure, die den Wein trägt, ohne zu dominieren. Die Frucht bleibt hell und präzise, nichts Überreifes, eher Apfel und Zitrus als Steinobst. Am Gaumen leicht zerfließend, aber nie beliebig. Die Länge überrascht. Das Finish bleibt sauber und animierend.

Ein Riesling, der nicht beeindrucken will, sondern Lust macht. Sehr trinkig, sehr sauber gearbeitet.

Chardonnay

Kapellenberg Chardonnay, 2024

Präsenter, dichter, mit packender, sehr gut integrierter Reduktion. Würzig, dunkel, saftig, mit viel Zug am Gaumen. Salzig, präzise, stringent gebaut. Das Finish ist lang, fein würzig und sehr fokussiert.

Ein Chardonnay mit klarer Herkunft und großer innerer Spannung.

Linse Chardonnay, 2024

Leicht reduktiv, aber deutlich offener als in früheren Jahrgängen. Zitrisch geprägt, salzig, mit sauber eingebundenem Holz. Die Frucht ist reif, aber nie überreif, der Wein wirkt zugänglich und klar. Der Kern könnte noch etwas mehr Spannung vertragen, aber Balance und Länge stimmen.

Gerade die geringere Reduktion als in Vorjahren steht ihm sehr gut.

Spätburgunder

Maikammer Spätburgunder, 2024

Reife, dunkle Frucht, saftig und zugänglich. Die Tannine sind fein, leicht trocknend, geben Struktur, ohne zu stören. Gute Frische, sauberer Trinkfluss.

Kein großer Drama-Pinot, aber sehr stimmig.

Hammbacher Schlossberg Spätburgunder, 2024

Fein und dicht zugleich. Rötlich-fruchtig, mit blutigen, fleischigen Noten. Die Säure ist rassig, das Tannin fein und gut integriert. Der Wein wirkt sehr balanciert, mit ruhiger Kraft und langem, eleganten Finish.

Sehr gelungen.

Kapellenberg Spätburgunder, 2024

Sehr expressive Frucht, fast an der Grenze zur Opulenz. Kirschig, tief, dicht, mit sehr präsentem Holz. Rassige Säure, feines Tannin, hohe Komplexität. Das Finish ist lang, zupackend, leicht trocknend.

Stilistisch nicht meiner, handwerklich aber stark. Ein Wein mit großem Reifepotenzial.

Ein bleibender Eindruck

Seckinger 2024 bestätigt, was sich 2023 bereits angedeutet hat. Die Seckingers wissen sehr genau, wo sie stehen und wo sie hinwollen. Diese Kollektion ist kein lautes Statement, sondern ein präziser Feinschliff einer ganz eigenen Weinidee.

Was hier in Niederkirchen bei Deidesheim entsteht, ist kein Stil für schnelle Begeisterung. Sondern einer für Menschen, die zuhören. Für mich gehört Seckinger weiterhin zu den spannendsten Adressen der Pfalz. Und 2024 ist ein Jahrgang, der diese Position untermauert. Ruhig, konsequent und mit enormer innerer Spannung.

Bilder: © The Art of Riesling – Maximilian Kaindl

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