In meiner Rubrik „Wenn Wein eine Person wäre“ wird jeder Wein zu einem lebendigen Charakter. Die Idee dahinter? Weine auf eine spielerische, aber tiefgründige Art erleben. Heute im Rampenlicht: der 2015er Willi Schäfer Domprobst Riesling Kabinett von der Mosel.
Max Kaindl, 26. Augst 2026
Lesezeit etwa 3 Minuten
Domprobst Riesling Kabinett 2015
Beim 2015er Graacher Domprobst Riesling Kabinett von Willi Schaefer sehe ich einen Mann vor mir, den man gerne als Gast hat.
Er kommt nicht als Erster. Aber auch nie so spät, dass man auf ihn warten müsste. Er bringt keine große Geste mit, keine Geschichte, die den ganzen Abend an sich ziehen soll. Vermutlich hat er die Flasche, die er mitgebracht hat, in ein Geschirrtuch gewickelt. Nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil ihm diese Art von Förmlichkeit schlicht nicht wichtig ist.
Er ist vielleicht Anfang sechzig. Schlank, drahtig, mit wachen Augen und einem Gesicht, das mehr vom Draußensein als von irgendwelchen Cremes erzählt. Er redet nicht viel über sich. Dafür hört er zu. Und wenn er etwas sagt, dann meistens genau im richtigen Moment. Kein großer Aphorismus, kein Satz für den nächsten Instagram-Post. Eher eine Bemerkung, die zunächst fast beiläufig wirkt und einem später wieder einfällt.
Er hat einen trockenen Humor. Einen, der nie auf Kosten anderer geht. Seine Wärme zeigt sich nicht sofort, aber sie ist da. Vielleicht stellt er irgendwann wortlos noch etwas auf den Tisch, schneidet Brot nach oder schenkt nach, bevor man überhaupt daran denken konnte zu fragen. Bei ihm ist Gastfreundschaft keine Pose.
Seine Wohnung liegt vermutlich nicht in der Stadtmitte. Eher an einem Fluss, in einem alten Haus, in dem nicht alles perfekt gerade hängt. In der Küche stehen Zitronen, weißer Pfirsich und ein Bund Kräuter auf der Fensterbank. Das Fenster ist offen, obwohl es draußen längst kühler geworden ist. Es riecht nach Sommer, aber auch nach Stein und nach Luft nach einem Regenschauer.
Genau so wirkt dieser Wein. Er hat die helle, saftige Frucht von Zitrus, gelbem und weißem Pfirsich. Er besitzt diese feine Süße, die einen sofort einnimmt, ohne auch nur einen Moment gefällig zu werden. Denn darunter liegt immer dieser Zug. Eine klare, lebendige Säure, etwas Kräutriges, etwas Herbes und diese kühle, schiefrige Note, die dem Wein seine Ernsthaftigkeit gibt.
Der Mann, den ich in ihm sehe, hat viel erlebt. Aber er würde nie anfangen, darüber zu dozieren. Seine Reife trägt er nicht vor sich her. Sie zeigt sich in seiner Gelassenheit, in der Art, wie er einen Raum liest, und darin, dass er nie versucht, jünger zu wirken, als er ist.
Vielleicht kommt daher auch diese unverwechselbare Tiefe. Die rund hundert Jahre alten, wurzelechten Reben des Domprobst geben diesem Kabinett Substanz und Würze. Und doch bleibt er im Kern leichtfüßig. Er hat Grip, aber keine Schwere. Er bleibt lange am Tisch, ohne ihn zu dominieren.
Wenn der 2015er Graacher Domprobst Riesling Kabinett eine Person wäre, dann wäre er der Mann, der nicht die teuerste Flasche zum Abendessen mitbringt. Aber ganz sicher diejenige, über die am nächsten Morgen noch gesprochen wird.

