In meiner Rubrik „Wenn Wein eine Person wäre“ wird jeder Wein zu einem lebendigen Charakter. Die Idee dahinter? Weine auf eine spielerische, aber tiefgründige Art erleben. Heute im Rampenlicht: der 2011 Castell’in Villa Marcolfo Cabernet Sauvignon aus der Toskana.
Max Kaindl, 9. Augst 2026
Lesezeit etwa 3 Minuten
Castell’in Villa Marcolfo 2011
Beim Marcolfo musste ich nicht lange überlegen. Schon nach den ersten Schlucken hatte ich einen Mann vor Augen. Mitte sechzig, vielleicht etwas älter. Italiener. Einer dieser Herren, bei denen man ziemlich schnell merkt, dass guter Stil für sie nichts mit Mode zu tun hat.
Ich stelle ihn mir in der Nähe von Siena vor. Später Nachmittag. Er sitzt vor einem alten Steinhaus, vor ihm die Zeitung und ein kleiner Espresso. Dunkle Stoffhose, weißes Hemd, die Ärmel sauber hochgekrempelt. Vielleicht eine alte Uhr am Handgelenk, die er seit dreißig Jahren trägt. Nichts daran ist besonders auffällig. Und trotzdem würde man vermutlich zweimal hinschauen.
Er ist höflich, aber nicht überschwänglich. Sein Händedruck ist fest, seine Stimme ruhig. Einer, der lieber einen Moment länger überlegt, bevor er antwortet. Und wahrscheinlich auch einer, der bei einem guten Essen irgendwann anfängt, Geschichten zu erzählen, bei denen plötzlich alle anderen am Tisch zuhören.
Genau so begegnet mir auch der Marcolfo.
Dieser Cabernet Sauvignon kommt nicht mit überreifer Frucht oder großer Geste um die Ecke. Er steht aufrecht im Glas. Dunkle Johannisbeere, Kirsche und etwas Pflaumenschale treffen auf getrocknete Kräuter, Graphit und Erde. Alles wirkt ernsthaft, aber nie streng um der Strenge willen.
Fast so, als würde dieser Mann nach einem langen Spaziergang durch die toskanischen Hügel neben dir sitzen. Seine Schuhe noch etwas staubig, in der Jackentasche vielleicht ein paar Kräuter, die er unterwegs gepflückt hat. Er kennt diese Landschaft seit Jahrzehnten. Jeden Weg, jeden Hügel, jede Veränderung des Wetters. Wenn du ihn danach fragst, wird er dir davon erzählen. Aber von selbst würde er vermutlich kein großes Thema daraus machen.
Auch körperlich passt das Bild. Er ist schlank, drahtig, aufrecht. Kein breitschultriger Kraftprotz. Die Stärke kommt aus seiner Haltung. Genau darin liegt für mich der Reiz dieses Weins. Die Tannine sind fest, die Säure hält ihn wach und die Frucht bleibt konzentriert in der Mitte. Alles besitzt Kontur. Nichts läuft auseinander.
Und je länger der Marcolfo im Glas bleibt, desto sympathischer wird mir dieser Mann.
Die anfängliche Ernsthaftigkeit lockert sich etwas. Unter der kontrollierten Fassade kommt Wärme hervor. Vielleicht auch ein trockener Humor, den man ihm beim ersten Kennenlernen gar nicht zugetraut hätte. Er lächelt selten, aber wenn, dann richtig.
Das Spannende daran: Eigentlich könnte Cabernet Sauvignon hier leicht eine ziemlich große Show veranstalten. Toskana, Sonne, internationale Rebsorte, Kraft. Der Marcolfo entscheidet sich für etwas anderes. Er bleibt klassisch, trocken und erstaunlich unaufgeregt. Selbst mit mehr als einem Jahrzehnt Reife wirkt er konzentriert und klar.
Vielleicht passt er deshalb so gut zu Castell’in Villa. Zu diesem alten Anwesen in Castelnuovo Berardenga, umgeben von Wald, Weinbergen und jahrhundertealter Geschichte. Hier wirkt ein Cabernet Sauvignon plötzlich nicht wie der internationale Gast, der allen zeigen möchte, dass er auch Toskana kann. Eher wie jemand, der vor langer Zeit angekommen ist und inzwischen selbstverständlich dazugehört.
Der 2011er Castell’in Villa Marcolfo erinnert mich genau an diesen älteren italienischen Herrn vor seinem Steinhaus. Gebildet, traditionsbewusst, ein wenig reserviert und mit einem ziemlich trockenen Humor. Einer, der Trends kommen und gehen gesehen hat und deshalb überhaupt keinen Grund mehr hat, ihnen hinterherzulaufen.
Du setzt dich eigentlich nur für einen Espresso zu ihm. Zwei Stunden später sitzt du immer noch da.

