Int. Riesling Symposium

Zwei Tage Riesling auf Kloster Eberbach. Viel bessere Kulisse geht kaum. Alte Mauern, große Geschichte, volle Gläser. Der VDP Rheingau hatte zum Internationalen Riesling Symposium geladen und natürlich war ich neugierig. Nicht nur, weil Riesling für mich die größte weiße Rebsorte der Welt ist. Sondern auch, weil ich genau diese These an diesen zwei Tagen einmal bewusst prüfen wollte.

Max Kaindl, 17. Mai 2026
Lesezeit etwa 10 Minuten

Internationales Riesling Symposium 2026 –
große Rebsorte, starke Momente und ein paar offene Fragen

Große Bühne, gemischtes Gefühl

Die Organisation war stark, die Location beeindruckend, das Essen hervorragend. Auch die historischen Einordnungen von Dr. Daniel Deckers waren für mich echte Highlights: klug, kurzweilig, präzise, mit dieser seltenen Mischung aus Tiefe und Leichtigkeit. So macht Weingeschichte Spaß.

Und doch blieb bei mir nach zwei Tagen ein gemischtes Gefühl. Nicht enttäuscht. Aber nachdenklich.

Denn wenn man eine Veranstaltung Internationales Riesling Symposium nennt, dann darf Riesling aus der Welt auch wirklich eine größere Rolle spielen. Österreich war punktuell vertreten, das Elsass fast gar nicht, Australien und die USA nur am Rand. Für mich zu wenig. Gerade wenn man zeigen will, warum Riesling global relevant ist, muss man ihn auch global denken.

Die verpasste Bühne für Kabinett, Spätlese und Auslese

Noch stärker vermisst habe ich die nicht trockenen Weine. Gerade einmal eine Handvoll Kabinette, Spätlesen, Auslesen. Das ist für mich die eigentliche verpasste Chance. Deutschland besitzt mit diesen Prädikaten eine Stilistik, die weltweit kaum kopierbar ist. Kabinett, Spätlese, Auslese – das ist nicht Folklore, das ist kulturelles Kapital. Wenn wir selbst diesen Weinen keine Bühne geben, brauchen wir uns nicht wundern, wenn sie am Markt an Sichtbarkeit verlieren.

Die erste Probe mit Rieslingen aus Baden, Württemberg und Franken war für mich ein schwieriger Auftakt. Es gab Highlights: Hegers 2019 Vorderer Winklerberg, Wöhrwags 2020 Herzogenberg, Weingut am Steins 2019 Stettener Stein, Rainer Sauers 2017 Am Lumpen 1655 und vor allem Luckerts 2016 Maustal, der mit seiner kühlen, zarten, salzigen Art herrlich stand. Insgesamt aber wirkte die Probe zu technisch, zu wenig erzählerisch, zu wenig emotional. Viele Weine wurden einzeln seziert, statt Gemeinsamkeiten, Unterschiede und echte Größenfragen herauszuarbeiten.

Warum Größe vom ersten Glas an spürbar sein muss

Und genau hier liegt für mich ein grundsätzliches Problem im deutschen Umgang mit großem Wein.

Warum startet man ein internationales Riesling Symposium nicht mit den größten deutschen Rieslingen der letzten Jahrzehnte? Warum stellt man nicht direkt zu Beginn zehn, fünfzehn monumentale Weine auf den Tisch und zeigt kompromisslos, wozu diese Rebsorte fähig ist? Große gereifte Saar-Kabinette. Legendäre Mosel-Auslesen. Große Rheingauer Klassiker. Ikonische trockene Rieslinge aus Rheinhessen, der Pfalz oder der Nahe. Der erste Eindruck zählt. Immer.

In Frankreich würde man bei einer vergleichbaren Veranstaltung vermutlich genau das tun. Man würde die Gäste vom ersten Glas an emotional packen. Nicht mit organoleptischer Detailverliebtheit, sondern mit Größe, Selbstverständnis und Stolz. Genau das können wir von Regionen wie der Champagne oder dem Burgund lernen.

Die Champagne verkauft längst nicht nur Wein. Sie verkauft ein Gefühl. Feier. Erfolg. Stil. Luxus. Positive Emotionen. Dort wird nicht permanent erklärt, warum etwas groß ist. Man zeigt es einfach. Und zwar mit einer Selbstverständlichkeit, die beeindruckt.

In Deutschland hingegen neigen wir oft dazu, unsere eigenen großen Weine kleiner zu reden, sie technisch zu zerdenken und ihre Emotionalität beinahe wegzumoderieren. Riesling wird dadurch schnell intellektuell, kompliziert oder verkopft wahrgenommen, obwohl die besten Beispiele dieser Rebsorte eigentlich genau das Gegenteil sind: vibrierend, tief, berührend und voller Trinkfluss.

Gereifter Riesling und deutsche Grand Crus

Die zweite Probe zur Frage, ob großer Riesling je zu alt sein kann, war deutlich spannender. Hier zeigte deutscher Riesling seine Klasse. Dönnhoffs 2015 Hermannshöhle war schlicht groß: hell, salzig, dicht verwoben, vibrierend, ein Trank für Götter. Breuers 2002 Berg Schlossberg war für mich emotional der Wein der Probe. Letzter Jahrgang von Bernhard Breuer, zart buttrig, komplex, druckvoll, fein. Ein Monument. Auch Zillikens 2005 Rausch Auslese und Grünhaus’ 2016 Herrenberg Spätlese erinnerten daran, warum gereifter Riesling mit Süße eine völlig eigene Liga sein kann. Gleichzeitig zeigte die Probe deutlich: Weine unter Schraubverschluss reifen anders. Oft bleibt die Frucht erhalten, aber darüber liegt eine reduktive Spannung, die nicht immer harmonisch wirkt. Spannend, aber nicht immer schön.

Die dritte Probe war für mich klar die stärkste des Symposiums. Deutsche „Grand Crus“ aus großen Rieslinglagen, zügig und konzentriert moderiert von Moritz Lüke MW. Hier kam endlich ein echter Vergleichsfluss auf. Die Nahe performte stark: Dönnhoffs 2019 Dellchen, Emrich-Schönlebers 2020 Halenberg und Schäfer-Fröhlichs 2021 Felseneck standen auf hohem Niveau. Rheinhessen zeigte Breite und Tiefe, besonders Battenfeld-Spaniers 2021 Frauenberg und Kühling-Gillots 2019 Pettenthal. Auch der Rheingau hatte gute Momente, kämpfte aber öfter mit reifer, leicht mürber Phenolik. Genau solche Proben braucht es: fokussiert, vergleichend, mit Erkenntniswert.

Pinot Noir, eine Premiere beim IRS

Die Pinot-Noir-Probe am zweiten Tag fand ich als Ergänzung sehr sinnvoll. Deutscher Spätburgunder hat mittlerweile genug Substanz, um auf einer solchen Bühne zu stehen. Besonders Fürsts 2022 Centgrafenberg, Franz Kellers 2022 Schlossberg, Philipp Kuhn’s 2022er Laumerheimer Kirschgarten, Daniel Twardowski’s 2018er Pinot Noix und Markus Molitors 2022 Graacher Himmelreich*** zeigten, wie eigenständig und fein deutscher Pinot heute sein kann. Neben den großen Burgunder Highlights des Tages beginnend bei Marquis d’Angerville’s 2020er Volnay Premier Cru Champans über Méo Camuzet’s 2018er Vosne-Romanée aus der Magnum bis hin zu Armand Rousseau’s 2017er Gevrey Chambertin Clos du Château Monopole.

Gleichzeitig wurde auch klar: In der Breite bleibt beim Holzeinsatz, bei Tanninfeinheit und Balance noch Luft nach oben. Aber der Weg stimmt. Und zum Glück kopieren immer weniger Betriebe Burgund blind, sondern finden langsam ihre eigene Sprache.

Was bleibt also?

Ein wichtiges Internationales Riesling Symposium mit starken Momenten. Aber auch mit Fragen, die aus meiner Sicht künftig deutlicher gestellt werden sollten. Wie positionieren wir Riesling international? Wie erzählen wir ihn emotionaler, hochwertiger, selbstbewusster? Welche Märkte sind relevant? Welche Stilistik trifft den heutigen und morgigen Zeitgeist? Und warum zeigen wir nicht öfter genau die Weine, die beweisen, dass Riesling wirklich Größe besitzt?

Riesling hat alles dafür. Herkunft. Spannung. Langlebigkeit. Tiefe. Emotion.

Vielleicht fehlt uns manchmal einfach nur der Mut, das auch kompromisslos auszustrahlen.

Bilder: © The Art of Riesling – Maximilian Kaindl

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