Vor der Vorpremiere der VDP Grossen Gewächse in Wiesbaden habe ich so ein kleines Ritual. Einmal Rheingau, einmal kurz den Kopf sortieren, einmal den Gaumen geradeziehen. Nicht, weil ich muss. Sondern weil diese Tage rund um die großen Vorpremieren sonst schnell kippen. Hier ein Flight, da ein Urteil, dort ein Satz, der im ersten Moment schlau klingt und zwei Stunden später schon wieder egal ist. Der Rheingau erdet mich in solchen Momenten. Er zwingt mich zur Präzision in der Wahl meiner Worte und Aussagen. Und genau deshalb war diese Verkostung vergangenen August so wertvoll.

Max Kaindl, 05. April 2026
Lesezeit etwa 10 Minuten

Rheingau unter dem Brennglas

Drei Lagen, drei Weingüter, zwölf Jahrgänge

Einladung ins Weingut Robert Weil. Drei Weingüter. Drei große Namen. Drei Lagen, die im Rheingau nicht irgendeine Rolle spielen, sondern ziemlich weit oben mitreden: Kiedricher Gräfenberg, Schloss Johannisberg, Rüdesheimer Berg Schlossberg. Dazu die Idee, das Ganze nicht als nette Prestigeprobe aufzuziehen, sondern ernsthaft. Vertikal. Zwölf Jahrgänge. 2012 bis 2023. So etwas ist kein Wohlfühlformat. Und genau deshalb liebe ich es.

Denn in einer Vertikale kannst du dich nicht verstecken. Da zählt nicht der schöne erste Schluck, nicht die schnelle Pointe, nicht das Etikett. Da zeigt dir der Jahrgang den Mittelfinger, wenn du zu oberflächlich probierst. Und da siehst du Stilwechsel. Wetter. Reifeverläufe. Ausbauentscheidungen. Und manchmal eben auch die Grenzen dessen, was selbst sehr gute Winzer in schwierigen Jahren noch glattziehen können.

Gräfenberg: der leise Perfektionist

Los ging es mit dem Gräfenberg von Robert Weil. Und gleich da war klar, warum diese Lage für mich im Rheingau so etwas wie der leise Perfektionist ist. Der Gräfenberg will dich nicht beeindrucken. Er zieht dich rein. Über Feinheit, über Balance, über Schliff. Er ist nie der breitbeinige Angeber im Raum. Eher der Wein, der erst spät auffällt und dann umso länger im Kopf bleibt.

Was mich an der Vertikale beeindruckt hat: Die Grundcharakteristik blieb über die Jahre erstaunlich stabil. Selbst in wärmeren Jahren war da diese zarte, fein verwobene Art, diese Finesse, dieses leise, präzise Durchziehen. Große Jahre machen den Gräfenberg nicht lauter. Sie machen ihn schärfer. Genau das ist seine Stärke.

Gräfenberg: meine Notizen

2023 war direkt ein starkes Ausrufezeichen. Reife, aber frische exotische Frucht, dicht, fein schmelzend, hochkonzentriert und trotzdem nicht schwer. Die Säure war präsent, aber reif, die Frucht leicht süßlich wirkend, ohne auch nur im Ansatz süß zu sein. Das kam allein aus dem Extrakt. Dazu Länge und erstaunliche Zugänglichkeit. Ein sehr charmanter Wein, ohne je banal zu werden.

2022 zeigte dann ziemlich klar, was dieser heiße, trockene Jahrgang im Rheingau oft gemacht hat. Mürbe Steinfrucht, Heu, Waldkräuter, leicht spitze Säure, dazu ein schlanker Körper und ein deutlich mürber Gerbstoff. Nicht ganz in Balance, etwas spitz, etwas zu früh fertig erzählt. Jetzt gut zu trinken, aber für mich eher ein Wein für die nähere Zukunft als für die lange Reise.

2021 war das Gegenteil: kühl, enorm dicht, sehr verschlossen, fast ganz bei sich. Ein Hauch heller Blüten, dazu Gesteinsmehl, zerriebener Stein, rassige Säure, reifer Gerbstoff, glockenklar. Das war aktuell noch kaum zugänglich, aber in seiner Präzision brutal stark. Ein Wein, der Zeit braucht. Und zwar nicht ein bisschen, sondern richtig.

2020 wirkte reif, steinig, saftig, mit festem Kern, aber hinten raus noch leicht unsortiert. Ein Hauch grüner Stich am Gaumen, gute, reife Säure, schönes animierendes Finish. Mit Luft wurde er klar besser. Für mich ein Wein, der sich gerade erst sortiert.

2019 gefiel mir sehr. Gelbe Frucht, leicht jodig, etwas Kräuter, klarer präziser Saft, tänzelnde Struktur, Druck ohne Breite. Das war schon in einer ersten Reifephase, aber noch lange nicht am Ziel. Ein sehr schöner Gräfenberg mit Zug und Zukunft.

2018 war überraschend fein. Mürber Apfel, Apfelschale, trotzdem kühl wirkend, geradlinig, leicht cremig, balanciert, aber ohne den letzten Druck. Jetzt sehr schön zu trinken, aber für mich kein ganz großer Jahrgang in dieser Lage.

2017 war dann wieder richtig stark. Hochfein, elegant, fordernd, mit reifer, aber frischer Steinfrucht, Kräutern, einem Hauch Jod, ungemeiner Dichte und rassiger Säure. Kein Anfängerwein. Aber genau deshalb spannend. Der hatte Kante, Spannung und noch sehr viel Leben vor sich.

2016 zeigte sich reifer, geschmeidiger, cremiger, mit gelber Steinfrucht, Apfel, etwas Werthers Echte, Hauch Karamell, etwas Süßholz. Sehr schön zu trinken, guter Fluss, gute Länge, jetzt in einem dankbaren Trinkfenster.

2015 war für mich einer der Höhepunkte der Probe. Kräuter, Fenchel, frische Steinfrucht, straff, fest, dicht, dazu eine zupackende, lebendige Säure, enorme Energie und eine Länge, die schlicht groß war. Gereifter Riesling, der nicht ins Weiche kippt. So etwas kann (ja muss) man lieben.

2014 war ähnlich frisch und zupackend, nur etwas leichter gebaut. Schlank, nervig, balanciert, mit guter Länge und schöner Frische. Sehr stimmig, auch wenn ihm die letzte Wucht und Dichte des 2015ers fehlte.

2013 war deutlich reifer, mit gelber Steinfrucht, Saft, hoher Säure, etwas Jod, dichter, aber extrem präziser Struktur. Sehr gutes Trinkfenster.

2012 schließlich war gefälliger, geschmeidiger, reifer in der Frucht, mit etwas Karamell und guter Balance. Schön zu trinken, guter Speisenbegleiter, aber nicht ganz oben dabei.

Wenn ich die Vertikale auf einen Punkt bringe, dann so: Gräfenberg war für mich die konstanteste Lage des Tages. Die großen Jahrgänge hier waren 2023, 2019, 2017 und 2015. Hervorragend auch 2021, 2020, 2014 und 2013. Selbst die weniger starken Jahre fielen nie völlig auseinander. Das musst du über zwölf Jahrgänge erstmal schaffen.

Schloss Johannisberg: mehr Variation, mehr Charakter

Danach kam Schloss Johannisberg. Und damit ein völlig anderer Ton. Nicht in der Qualität, sondern im Temperament. Wo der Gräfenberg eher flüstert, hat Schloss Johannisberg mehr Stoff, mehr Textur, mehr Fülle. Nicht plump. Aber eben barocker. Ausbau im Stückfass, ein kleiner Teil im Barrique, dazu ab 2016 mit Stefan Doktor eine Phase, in der man klar merkt, dass hier an Tiefe, Länge und Spannung gearbeitet wurde.

Schloss Johannisberg zeigte sich in dieser Probe als Charakterwein. Wenn alles sitzt, ist das groß. Wenn es nicht sitzt, kann es schneller als Gräfenberg ins Cremige, Gemütliche, leicht Kitschige kippen. Genau das macht die Lage und das Weingut für mich spannend. Aber manchmal eben auch etwas unberechenbar.

Schloss Johannisberg: meine Notizen

2023 war ein sehr schöner Auftakt. Leicht süßliche exotische Frucht, kurz an der Grenze zum Kitsch, aber dann herrlich saftig, mit klar reifem Saft, präsenter, reifer Säure und sehr guter Länge. Jetzt schon mit viel Charme ausgestattet, aber definitiv mit Potenzial.

2022 zeigte auch hier den Hitzestempel recht deutlich. Mürbe Steinfrucht, Heu, spitze Säure, leichter Körper, trocknende Phenolik, nicht ganz in Balance. Trinkbar, aber kein Wein, den ich lange weglegen würde.

2021 zeigte sich kühl, kräutrig, leise, dicht aber schwer zu greifen. Etwas reifer wirkend als der Gräfenberg 2021, aber ebenso unnahbar. Lang, präzise, kühl gezogen. Heute mehr Versprechen als Genuss. Könnte aber einmal sehr groß werden.

2020 war reif, cremig, dicht, mit eingelegtem Pfirsich und schöner Länge, aber ohne den letzten Nerv. Solide bis sehr gut, nur kein Wein, den ich endlos liegen lassen würde.

2019 war dann wieder richtig gut. Dicht, schmelzig, kurz mit einem Hauch Kitsch in der Frucht, dann aber sofort Struktur. Zupackende Säure, tänzelnde Energie, mit Luft deutlich ernster und fokussierter. Sehr schönes Potenzial.

2018 war cremig, sehr reif in der Frucht, charmant, aber mir fehlten Druck und Spannung. Nicht mein Jahrgang.

2017 dagegen war kühl, fordernd, präzise, mit festem Kern, klarer Säure und toller Länge. Noch längst nicht offen. Braucht wirklich Zeit.

2016 zeigte reife, Cremigkeit, etwas Karamell, aber auch Frische, einen Hauch Fenchel und eine zupackende Säure. Das war jetzt sehr gut zu trinken.

2015 war für mich schwieriger: Mandarine, Dosenpfirsich, Salzkaramell, erst etwas unrund, mit Luft besser, aber insgesamt nicht mein Fall.

2014 gefiel mir ordentlich, mit reifer Steinfrucht, guter Frische und lebendiger Säure, hinten raus allerdings etwas ohne den letzten Druck. Jetzt trinken.

2013 blieb an dem Tag für mich unscharf, irgendwo zwischen Karamell, Kraut und Banane, schwer zu greifen.

2012 war reif, geschmeidig, unkompliziert, ordentlich, aber ohne die notwendige Spannung und Stoffigkeit.

Schloss Johannisberg war für mich in den Jahrgängen 2023, 2021, 2019 und 2017 am stärksten. Hervorragend auch 2020, 2014 und mit Abstrichen 2013. Was blieb: Diese Lage kann groß sein, wenn Spannung und Textur zusammenfinden. Wenn nicht, wird es schnell etwas zu gefällig und barrock.

Berg Schlossberg: zwei Stilphasen, eine Lage

Dann kam Wegeler. Rüdesheimer Berg Schlossberg. Und hier wurde es besonders spannend, weil man in dieser Vertikale eigentlich zwei Kapitel eines Buchs probierte. Bis 2019 wirkten die Weine klassischer, reifer, mürber, fülliger, mit anderer Phenolstruktur. Ab 2021 wurde es heller, klarer, präziser, vitaler. Das ist hochinteressant, macht den Vergleich aber auch schwieriger. Denn man vergleicht eben nicht nur Jahrgänge, sondern auch unterschiedliche Stilphasen.

Berg Schlossberg: meine Notizen

2023 zeigte reifen, feinen Saft, nicht ganz so klar und scharf konturiert wie die anderen beiden 2023er, aber mit schönem Schmelz, gutem Gerbstoff, guter Balance und guter Länge. Ein Wein mit Zukunft.

2022 war wieder typisch für den Jahrgang: mürber Apfel, Apfelschale, spitze Säure, fehlende Balance, mürbe Phenolik. Jetzt trinkbar, aber kein Wein, bei dem ich auf große Reifewunder setzen würde.

2021 war dann der moderne Aha-Wein der Probe. Eine packende Nase zwischen Werthers Echte und charmanter Steinfrucht, deutliche Malo, leicht cremig, aber trotzdem frisch. Dicht, fest, balanciert, mit guter Länge und jetzt schon richtig gut zu trinken. Das wird schön reifen.

2020 hatte Kork.

2019 war so ein Zwitter zwischen reif und frisch. Kühl, etwas Ananas, rassige Säure, etwas trocknend-phenolisch, gute Dichte, gute Länge. Jetzt schon schön, kann aber noch zulegen.

2018 überraschte mich positiv. Leicht süßliche Frucht, zupackend, dicht, frisch, für 2018 ungewöhnlich straff. Guter Gerbstoff, gute Trinkigkeit, mit Potenzial.

2017 war dann schlicht stark. Reife Steinfrucht, zarter Schmelz, Druck, Energie, präsente Säure, klarer Saft, tänzelnd, lang, kaum gereift. Alles da. Das war für mich der Peak der Wegeler-Vertikale.

2016 wirkte sehr reif, mit viel Ananas, Kräutern, cremigem Fluss, später mit Luft frischer, dann wieder leicht mürbe. Guter Speisenbegleiter, aber nicht mein Favorit.

2015 war füllig und kraftvoll, am Gaumen dann präziser als die Nase vermuten ließ, saftig, mit gutem Gerbstoff und ordentlicher Balance. Schön gereift.

2014 kühl, saftig, rassig, später mit etwas mehr Fülle und süßlicher Anmutung, fordernd und durchaus noch lagerfähig.

2013 war reif, etwas über dem Zenith, mit Dosenpfirsich, schlankem Körper und fehlendem Druck im Finish.

2012 war reif, dicht, süßlich-opulent, charmant, aber mir zu belanglos. Jetzt trinken. Am besten zum Essen.

Was bleibt nach so einem Tag hängen?

Erstens: 2022 war bei allen drei Lagen der Lackmustest. Nicht katastrophal, aber der Jahrgang, in dem du am schnellsten siehst, wo Balance kippt und wo der Wein eher früh als groß wird.

Zweitens: Der Gräfenberg zeigte für mich die größte Konstanz. Dieses leise, präzise, fein verwobene Durchziehen durch zwölf Jahre war beeindruckend.

Drittens: Schloss Johannisberg ist ein Charakterwein. Wenn es sitzt, sitzt es groß. Wenn nicht, wird es etwas zu gemütlich.

Viertens: Beim Berg Schlossberg von Wegeler probierst du aktuell noch stärker als bei den anderen beiden Häusern unterschiedliche Stilphasen mit. Gerade das macht die Lage, vor allem aber das Weingut, für mich momentan schwer zu fassen. Wie auch bei Schloss Johannisberg stammten die Weine hier aus unterschiedlichen stilistischen Epochen.

Inzwischen ist bekannt, dass die Ära von Richard Grosche bei Wegeler endete. Es dürfte also sicherlich noch einmal Bewegung in die Kellerstrategie kommen. Für mich heißt das: Es wird vermutlich noch dauern, bis dort ein Feld an Schlossberg-GGs steht, das die Lage in einer wirklich durchgehenden Linie lesen lässt.

Welche Flaschen ich mir sichern würde

Gräfenberg 2021, und 2015
Schloss Johannisberg 2019
Wegeler Berg Schlossberg 2017

Genau deshalb liebe ich solche Verkostungen. Sie erden mich. Sie machen den Blick klarer, die Urteile präziser und den Respekt vor Lage, Jahrgang und Stil größer. Vielleicht ist das auch der Grund, warum dieser Artikel Zeit gebraucht hat. Weil nach solchen Nachmittagen selten bloß ein Eindruck bleibt, sondern ein echtes Verständnis, das sich erst sortieren muss. Eines, das nicht aus Theorie entsteht, sondern direkt aus dem Glas.

Bilder: © The Art of Riesling – Maximilian Kaindl

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