Es gibt diese Geschichten, die klingen zu gut, um wahr zu sein. Zwei Männer, die sich in New York über den Weg laufen, eine gemeinsame Leidenschaft entdecken und dann gemeinsam großartige Weine machen. Nur: Bei Sohm & Kracher ist genau das passiert – und zwar mit Ansage. Ich war Ende Januar vor Ort in Illmitz, bei Kracher. Dort, wo die edelsüße Welt zu Hause ist, aber auch Platz für klare Visionen, trockene Gedanken – und ein bisschen Rebellion. Denn was Gerhard Kracher und Aldo Sohm hier gemeinsam auf die Flasche bringen, ist keine Alibi-Kollaboration zweier bekannter Namen. Es ist das Resultat aus Fachwissen, Bauchgefühl – und einer tiefen gemeinsamen Überzeugung. Es ist nichts weniger als neue Dimension von Grünem Veltliner.
Max Kaindl, 23. März 2025
Lesezeit etwa 4 Minuten
Sohm & Kracher – Grüner Veltliner mit Haltung
Wie alles begann – mit einer Flasche Wein. Oder mehreren
Wir schreiben das Jahr 2004. Aldo, gerade frisch aus Tirol in der Hitze New Yorks gelandet, steht im Le Bernardin, das er später als Head-Sommelier mitprägen wird. Gerhard, zu dieser Zeit als „der Sohn von Alois“ in den USA unterwegs, um den legendären Trockenbeerenauslesen seines Vaters die Bühne zu verschaffen, schaut vorbei. Es funkt. Beruflich. Weinverrückt waren beide schon, kulinarisch auf Augenhöhe sowieso. Der Rest ist Geschichte – aber eben eine, die erst 2009 so richtig beginnt.
Denn dann gründen die beiden Sohm & Kracher. Nicht in Illmitz, nicht in New York – sondern im österreichischen Weinviertel. Warum? Weil dort das Potenzial für große, eigenständige Grüne Veltliner in alten Rebanlagen schlummert – auf Löss, Lehm und Kalk. Und weil die Lagen verfügbar waren. Keine Prestige-Herkünfte, keine Marketing-Stories – sondern: Fokus auf Wein.

Veltliner, wie er sein soll – und wie man ihn selten bekommt
Dass die beiden keine halben Sachen machen, merkt man schnell. Die Weine sind glasklar, pointiert, schnörkellos. Und gleichzeitig tief – vertikale Weine, wie der Experte sagen würde. Beim Probieren vor Ort war ich direkt wieder hellwach. Das sind definitiv kein Veltliner für die Schorlefraktion. Das ist ernstzunehmender Stoff – mit Haltung, aber ohne Allüren.
Der »Lion«, ihr Einstiegs-Veltliner, ist präzise wie ein Schweizer Taschenmesser. Apfel, Birne, feine Würze, keine Spur von Kitsch – ein Wein, der laut denkt, aber leise spricht.
Der »Alte Reben« hat mehr Grip, mehr Dichte, ohne dabei laut zu werden. Der Ausbau? Fein dosiert. Kein Holz-Gepose, kein übertriebenes Hefespiel – dafür Substanz, die sich Zeit nimmt. Man schmeckt, dass hier uralte Rebstöcke arbeiten – anonym zwar, aber mit Persönlichkeit.
Und dann ist da noch der »St. Georg«. Der zeigt, was passieren kann, wenn man alten Reben aus dem Weinviertel Raum lässt. Kräuter, reifer Apfel, Spannung – kein Muskelprotz, sondern ein Veltliner mit Seele. Und, by the way: Der 2018er lag vier Jahre auf der Vollhefe. Vier. Das macht heute kaum einer.
Warum das funktioniert? Weil beide wissen, was sie tun.
Aldo ist keiner, der einfach nur Weine verkauft. Er lebt sie. Tag für Tag im Le Bernardin, wo er die besten Flaschen der Welt entkorkt. Er kennt ihre Stärken, ihre Schwächen – und wie sie am Tisch funktionieren. Das prägt. Und Gerhard? Der ist sowieso ein Kracher. Wortwörtlich. Er führt das Süßwein-Weltkulturerbe seines Vaters weiter, hat aber längst gezeigt, dass er auch trocken kann. Und modern. Und präzise.
Was mich am meisten beeindruckt hat? Dass hier nichts dem Zufall überlassen wird – aber auch nichts überinszeniert ist. Die Etiketten? Schlicht. Die Herkunft? Unspektakulär. Die Weine? Weltklasse. Ohne es laut zu sagen. Und genau das macht sie so spannend.
Sohm & Kracher Grüner Veltliner ist definitiv kein Signature Project, das mit großen Namen glänzen will. Es ist ein ernsthafter Versuch, dem Grünen Veltliner eine neue Bühne zu geben. Weg vom Mainstream, hin zu Charakter, Tiefe und Haltung. Es ist eine präzise gedachte, ehrlich gemachte Antwort auf die Frage: Was kann Grüner Veltliner wirklich? Und meine Antwort lautet: verdammt viel.

