Rioja ist eine Region, die man nicht versteht, wenn man sie nur trinkt. Man muss sie sehen. Spüren. Erfahren. Letzten Herbst war ich vor Ort. Viel unterwegs, wenig sitzen. Gespräche in Kellern, Staub an den Schuhen, kalter Wind von der Sierra Cantabria. Und relativ schnell wurde mir klar: Rioja ist heute spannender denn je. Und gleichzeitig gnadenlos ehrlich.

Max Kaindl, 29. Januar 2025
Lesezeit etwa 7 Minuten

Rioja. Zwischen Patina und Aufbruch.
Eine Region, die sich neu erfindet, ohne sich zu verleugnen.

Spaniens Weinwunder

Traditionelle Methoden, autochthone Rebsorten und ein über Jahrzehnte gewachsenes Selbstverständnis treffen hier auf moderne Forschung, neue Denkansätze und einen erstaunlichen Mut zur Veränderung. Vor zwanzig Jahren hätte wohl kaum jemand darauf gewettet, dass Spanien einmal zu den aufregendsten Weinbau Hotspots der Welt zählen würde. Heute ist das Realität. Vielleicht gibt es aktuell kein Weinland, in dem so viel Bewegung, so viel Neugier und so viel Reibung spürbar ist.

Und dann gibt es Regionen wie Rioja. Regionen, die auf ihre Geschichte bauen, ohne sich an ihr festzuklammern. In denen alte Stilistiken, Innovation, brillante Weine und erschreckend belanglose Massenware teilweise Tür an Tür existieren. Manchmal sogar im gleichen Dorf. Rioja ist kein einfaches Pflaster. Aber genau das macht sie relevant.

Rioja: Historisch relevant

Historisch begann der große Aufstieg der Region Ende des 19. Jahrhunderts, als die Reblaus Frankreich lahmlegte. Kapital, Knowhow und Ambitionen wanderten über die Pyrenäen. Entlang des Ebro entstanden in kurzer Zeit große Bodegas mit beeindruckender Architektur und damals modernster Technik. Der Markt, allen voran England, verlangte nach Ersatz für Bordeaux. In Haro wurde geliefert. Dort entstand der klassische Rioja Stil: elegant, finessenreich, fruchtbetont, kraftvoll und doch seidig. Geprägt von amerikanischer Eiche, bewusst oxidativ, auf Reife angelegt.

Namen wie López de Heredia, La Rioja Alta oder Marqués de Murrieta stehen für diese große Tradition. Für zeitlose Weine mit Tiefe und enormer Lagerfähigkeit. Aber auch für eine Stilistik, die oft kopiert und nicht immer verstanden wurde. Neben großartigen Klassikern existierte immer auch viel Mittelmaß. Das gehört zur Wahrheit dazu.

Die Teilregionen: Rioja Alta, Rioja Alavesa und Rioja Oriental

Die Rioja ist geografisch wie stilistisch alles andere als homogen. Rund 65.000 Hektar, etwa 300 Meter Höhenunterschied, drei klar unterscheidbare Teilregionen.

Rioja Alta im Westen ist historisch das Herzstück. Tonböden mit Kalk und Eisen, ein vergleichsweise mildes Klima, höhere Niederschläge. Rund um Haro entstehen hier die klassischsten Weine der Region, meist auf Tempranillo Basis. Elegant, rotfruchtig, würzig vom Holz, mit feinen Tanninen. Kraftvoll, aber subtil. Diese Weine funktionieren hervorragend zur regionalen Küche. Lamm, Wild, Eintöpfe. Das ist kein Zufall, sondern gewachsene Kultur.

Ganz anders wirkt die Rioja Alavesa auf der linken Seite des Ebro. Baskisch geprägt, höher gelegen, deutlich kühler. Kalkstein, Sediment, Sand. Weinberge schmiegen sich an die Sierra Cantabria. Hier geht seit Jahren richtig etwas voran. Die besten Erzeuger liefern Weine, die international längst in der Champions League mitspielen. Remelluri, Artadi, Contador, Telmo Rodríguez, Artuke, Oxer Wines. Hier sitzen viele der Revoluzzer. Bio. Ertragsreduktion. Buschweine. Spontangärung. Beton. Amphoren. Großes Holz. Die Weine sind mineralischer, finessenreicher, oft transparenter. Für mich aktuell der spannendste Teil der Rioja.

Im Osten schließlich die Rioja Oriental. Wärmer, kraftvoller, lange unterschätzt. Garnacha spielt hier die Hauptrolle. Dichte, aromatische Weine mit Schub. Weltklasse gibt es hier vor allem bei Álvaro Palacios und seinem Familienbetrieb Palacios Remondo. Álvaro ist einer der ganz Großen Spaniens. In der Rioja Oriental und im Priorat. Ein Meister der Garnacha.

Die klassischen Rebsorten und ihr Ausbau

Tempranillo und Garnacha dominieren die Region. Aber auch alte autochthone Sorten wie Graciano, Maturana oder Mazuelo erleben eine verdiente Renaissance. Sie bringen Frische, Struktur und Würze in viele der besten Cuvées.

Und dann ist da natürlich das Holz. Rioja ohne Eiche ist kaum denkbar. Aber auch hier hat sich vieles verändert. Amerikanische Eiche weicht zunehmend französischer. Große Fässer ersetzen kleine. Neuholz wird sparsamer eingesetzt. Die DOCa Rioja mit ihren Kategorien Crianza, Reserva und Gran Reserva spielt dabei weiterhin eine Rolle, verliert aber bei den ambitioniertesten Erzeugern zunehmend an Bedeutung. Viele der besten Weine tragen diese Bezeichnungen bewusst nicht mehr. Sie definieren sich über Herkunft, Lage und Stil, nicht über Mindestzeiten im Fass.

Die großen Klassiker stehen weiterhin für zeitlose Eleganz und enorme Reifefähigkeit. Gleichzeitig sorgen junge, kompromisslose Erzeuger dafür, dass Rioja nicht stehen bleibt. Dass diskutiert wird. Dass polarisiert wird. Und dass diese Region auch in Zukunft relevant bleibt.

Mein Eindruck nach dem Besuch

Rioja ist kein Museum. Rioja ist ein Spannungsfeld. Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Zwischen Glanz und Belanglosigkeit. Und zwischen Patina und Präzision. Wer sich darauf einlässt, wird belohnt. Wer einfache Antworten sucht, ist hier falsch.

Und genau deshalb liebe ich diese Region.

Bilder: © The Art of Riesling – Maximilian Kaindl

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