In meiner Rubrik „Wenn Wein eine Person wäre“ wird jeder Wein zu einem lebendigen Charakter. Die Idee dahinter? Weine auf eine spielerische, aber tiefgründige Art erleben. Heute im Rampenlicht: die Champagner Cuvée Dom Pérignon Vintage 1993 von Moët & Chandon aus der Champagne.
Max Kaindl, 10. März 2025
Lesezeit etwa 3 Minuten
Dom Pérignon Vintage 1993
Er ist einer von denen, die den Raum nicht betreten, sondern besitzen. Ein Mann in seinen späten Fünfzigern, dessen Präsenz man spürt, noch bevor man ihn sieht. Kein greller Showman, sondern einer, der durch Haltung beeindruckt. Er ist kein junger Wilder mehr. Nein, er ist der reife Gentleman, der seine Vergangenheit nicht versteckt, sondern sie in jeder Falte seines perfekt geschnittenen Smokings mit sich trägt.
Sein Haar? Silberfäden durchziehen das dunkle, akkurat zurückgekammt, ein paar Strähnen bewusst nicht gebändigt – Nonchalance trifft auf Disziplin. Die Haut? Gegerbt vom Leben, aber straff, fast ledrig mit einem sanften Glanz, der ihn nicht alt, sondern erfahren wirken lässt.
Er spricht nicht laut, sondern tief und bedacht. Seine Stimme hat Substanz, einen Hauch von Rauchigkeit, keine übertriebene Samtigkeit, sondern eine Ernsthaftigkeit, die Raum für Nuancen lässt. Und wenn er spricht, hört man ihm zu – nicht, weil er es verlangt, sondern weil man es will.
Sein Auftreten ist kein zufälliger Stil-Mashup, sondern Perfektion mit Absicht. Der Anzug? Dunkel, nach Maß geschneidert, die Schultern klar definiert, der Stoff fest, doch mit geschmeidigem Fall. Keine glitzernden Accessoires, sondern Understatement in Bestform. Seine Uhr? Ein Klassiker, nichts Modernes, kein Gehabe, sondern ein Stück Geschichte am Handgelenk. Wer ihn kennt, weiß: Sie ist seltener, als es auf den ersten Blick scheint.
Seine Hände verraten die Jahre. Kräftige Finger mit Adern, die sich leicht abzeichnen, nicht mehr jugendlich, aber immer noch mit Griff. Er schüttelt Hände mit Bedacht, nie zu fest, sondern bestimmt. Die Berührung? Ein Hauch von Leder, vielleicht ein Anflug von getrockneten Orangenschalen und warmem Holz. Er bewegt sich mit einer Mischung aus Bedacht und Selbstverständlichkeit. Kein Hektiker, sondern einer, der sich seines Raumes bewusst ist. Er braucht keine schnellen Bewegungen, um Aufmerksamkeit zu erlangen – seine bloße Existenz zieht Blicke an.
Seine Freizeit? Er sammelt, aber nicht aus Prestigegründen. Kunst, ja – aber nicht die offensichtlichen Werke. Ihn interessieren die Ecken des Marktes, die kaum jemand kennt. Alte Fotografien, vergessene Skizzen eines großen Meisters, ein besonderes Buch mit handgeschriebenen Notizen.
Sein Gaumen? Geschult, aber nicht abgehoben. Er weiß den Wert einer perfekt gereiften Flasche zu schätzen, doch ihn reizen nicht die pompösen Labels, sondern die stillen Meisterwerke. Ein Montrachet von den besten Lagen, aber bitte mit Charakter, nicht nur Perfektion.
Was die Zeit mit ihm gemacht hat? Sie hat ihn nicht gebrochen, sondern definiert. Früher ein charmanter Hedonist, jetzt ein Mann von Substanz. Die schärferen Kanten sind geschliffen, die Lautstärke reduziert, aber die Intensität gewachsen. Seine Worte sitzen präziser, sein Blick ist fokussierter. Er ist nicht der Mann, der sich schnell und jedem öffnet. Nein, er ist einer, den man kennen muss, um ihn zu verstehen. Wer ihn einmal erlebt hat, vergisst ihn nicht mehr. Und wer ihn loslässt, wird sich später fragen, warum er es je getan hat.


