Neulich war ich zu einem blind tasting unserer Münchner Weinrunde eingeladen. Unser Host hat sich dieses Mal nicht nur kulinarisch in neue Höhen gekocht, sondern auch ein zumindest in unserer Runde bisher unterrepräsentiertes Thema entschieden: Chardonnay. Das war’s auch schon mit Einschränkungen. Ob still oder bubbles war den Gästen freigegeben. Es war also alles gerichtet für einen unvergesslichen Abend – der es, Spoiler, auch werden sollte.

Max Kaindl, 05. Dezember 2023
Lesezeit etwa 5 Minuten

Chardonnay – ABC oder Weltklasse?

Anything But Chardonnay oder Weltklasse?
Fragen über Fragen.

Die Frage, die sich mir vor dem blind tasting stellte, war: „Ist der Begriff ABC (Anything But Chardonnay) immer noch gültig oder können Winzer außerhalb der für die Rebsorte berühmten Region Burgund auch Weltklasse Chardonnay erzeugen?“. Da die Teilnehmer der Runde mehrheitlich allerdings „old world“ Chardonnay mitbrachten, lies sich die Frage nur bedingt beantworten. Dennoch war der Abend erkenntnisreich.

Insgesamt verkosteten wir 11 Weine. Dazu gab es drei, jeweils fantastisch gekochte Gänge von unserem Host Alex. Dass die Weine zum jeweiligen Gang passten, war nicht das primäre Ziel. Dennoch gelang es uns recht gut, ein jeweils passendes Match zu finden. Hier nun zu den Weinen und meinen Eindrücken.

Anmerkung: Wir haben die Weine nicht direkt in Flight-Paare unterteilt. Zur besseren Gegenüberstellung und Lesbarkeit habe ich mir hier jedoch erlaubt, diese in zweier Flights zu unterteilen. Die Verkostungsreihenfolge entspricht den Verkostungsnotizen von oben nach unten. Für ausführliche Details zu meinen Verkostungsnotizen und Weinbewertungen klicke hier.

Flight 1

Puligny-Montrachet 2021, Pierre Vincent Girardin (PVG) – Burgund
Nase:
Lebhafter Chardonnay mit frischen Steinobst-, Mandel- und gerösteten Haselnussaromen, ergänzt durch subtile salzig-mineralische Töne und einen eleganten Hauch von Zitrusfrische.
Gaumen:
Vollmundig, saftig-frische Textur mit packender Säure und einer dichten, konzentrierten Struktur.
Abgang:
Endet mit einem feinen, salzigen und saftigen Abgang, der für ein kühles Jahr überraschend reife Frucht zeigt. Sollte dekantiert werden. –Excellent

 

Puligny-Montrachet 2018, Benoit Ente – Burgund
Nase:
Entfaltet den bezaubernden Duft von weißen Blüten und saftigen Früchten, eingebettet in ein charakteristisches, elegant mineralisches Gerüst.
Gaumen:
Geschmackvolle Opulenz, mit einer cremigen, schmeichelnden Textur, die den Gaumen verzaubert. Dank einer charmant lebhaften Säurestruktur immer noch frisch.
Abgang:
Mit kandierten Orangenschalen endend, ist der Abgang ein Tanz aus saftiger Eleganz und einer anhaltenden, verlockend samtigen Glätte, die einen bleibenden Eindruck hinterlässt. – Very good

Flight 2

Les Brulées 2018, Domaine de Saint Pierre – Jura
Nase:
Komplexes Bouquet mit reifen Kumquats, gebackenem Apfel, dezent rauchigem Feuerstein, alles verwoben mit schwachen oxidativen Noten von Walnüssen.
Gaumen:
Dichte und gut strukturierte Textur, sofort von einer straffen Säure in Beschlag genommen, die elegant in eine salzige Qualität übergeht und einen kraftvollen Druck verleiht.
Abgang:
Mit etwas Luft tritt eine zarte Note von Tanninen auf, die Anklänge von Marzipan, exquisite Mineralität und einen außergewöhnlich langen Abgang offenbart. Die Wärme des Jahrgangs ist subtil wahrnehmbar und führt zu einem kräftigen, charaktervollen und anspruchsvollen Wein. Jedoch entsprach er nicht meinen persönlichen Vorlieben. – Very good

 

Ried Pössnitzberg Alte Reben 2018, Erwin Sabathi – Steiermark
Nase:
Elegante parfümiert, weißes Obst, zarte Reduktion, einem Hauch von Hefe und einer Note von Exotik, vielleicht Mango und helles Gestein.
Gaumen:
Das komplexe Zusammenspiel setzt sich am Gaumen fort und offenbart eine saftige Textur mit ausgewogener Säure, einem dezenten Hauch von Holz, feiner Mineralität und einem sanften Tanz ohne überwältigenden Druck – obwohl es meiner Meinung nach etwas an Länge fehlt.
Abgang:
Fest und konzentriert, mit reifer, schmeichelnder Geschmeidigkeit. Absolut bezaubernd. –Excellent

Flight 3

Mersault Coeur de Roches 2015, Frédéric Magnien – Burgund
Nase:
Düfte von Steinfrüchten, zerkleinerten Steinen, leicht gerösteten Nüssen und einer dezenten Kräuternote.
Gaumen:
Mittlerer Körper, bietet ein frisches und andauerndes Geschmacksprofil. Zeigt die essentiellen Merkmale von weißem Burgunder, mit einer Fülle an Tonerde- und Kalksteincharakteristiken.
Abgang:
Endet mit einer anhaltenden Frische (überraschend für diesen heißen Jahrgang) und den für den klassischen weißen Burgunder typischen Finesse-Eigenschaften. –Excellent

 

Chardonnay R 2020, Ökonomierat Rebholz – Pfalz
Nase:
Reichhaltige Feuersteinnote mit ausgeprägter Reduktion, dunklen Nuancen und einem dezenten Hauch von Karamell.
Gaumen:
Zart, aber kraftvoll, offenbart geröstete Quitten und Karamell-Fleur de Sel. Eine faszinierende Woge von feiner Salzigkeit folgt der intensiven Kalksteinmineralität und bietet ein charaktervolles Zusammenspiel aus Salzigkeit, lebhafter Säure und cremiger Fülle.
Abgang:
Endet mit einer anhaltenden Essenz und lädt zum Verweilen ein.
Charakterstark und unverwechselbar – im Gegensatz zu den anderen Teilnehmern hat mich dieser Wein nicht angesprochen. – Very good

Flight 4

Drei Dörfer 2021, Franz Keller – Baden
Nase:
Strenger und lebendiger Chardonnay mit feinem Eichenholz und subtiler Reduktion. Aromen von Quitte, Bienenwachs und Feuerstein vermischen sich mit dunklen Gewürzen und einem Hauch von Rauchigkeit. Komplex und elegant.
Gaumen:
Am Gaumen lebhaft und salzig, mit Quitte, Zitrusfrüchten und einem Hauch von Funk. Die Hefe verleiht eine gewisse Fülle und schafft ein harmonisches Zusammenspiel von Extrakt und Salzigkeit.
Abgang:
Anspruchsvolles, aber lohnendes Finish mit beeindruckendr Textur und Länge. Ich würde empfehlen, ihn zu dekantieren. – Very good
(Zwei Teilnehmer haben unabhängig voneinander diesen Wein für die Blindverkostung ausgewählt.)

 

Hugues de Coulmet Blanc de Blancs Demi-Sec, Pierre Moncuit – Champagne
Nase:
Eine Hommage an die süße Vergangenheit von Champagner, Aromen von frischem Brot, gerösteten Mandeln, Äpfeln und Birnen verzaubern die Nase.
Gaumen:
Am Gaumen zeigt sich Brioche, kandierte Aprikosen, gelbe Äpfel, überreife Birnen, Mirabellen, weiße Pfirsiche und ein Hauch Limettensaft. Alles vereint durch eine harmonische Mousse.
Abgang:
Ein saftiger, nicht übermäßig süßer Champagner mit feiner, anhaltender Perlage und einem köstlich fruchtigen Abgang. Äußerst charmant und köstlich (obwohl ihm ein wenig an Komplexität fehlt), besonders empfehlenswert in Kombination mit Desserts. – Very good

Flight 5

Le Calvaire 2019, Domaine des Carlines – Jura
Nase:
Feine reife gelbe Früchte, geröstete Nüsse und ein Hauch mineralischer Würze.
Gaumen:
Komplex und kraftvoll mit großer Frische, intensiver Mineralität und beeindruckender Länge. Eine Vielzahl von Aromen, darunter Feuerstein, grüne Äpfel, Blütenhonig und Zitrusfrüchte. Eine saftige Säure balanciert den spürbaren vollmundigen Charakter aus.
Abgang:
Der Abgang ist anhaltend und klingt langsam aus, obwohl er für den ein oder anderen vielleicht etwas zu breit ausfallen kann. – Very good

 

Chablis Terroir de Fleys 2022, Patrick Piuze – Chablis
Nase:
Äußerst blumig und duftend, bietet dieser Wein reife Früchte und einen saftigen, spannungsgeladenen Charakter mit klar definierten Konturen.
Gaumen:
Brillant und lebhaft mit Aromen von kandierter Limette, Birne, Melone und weißem Pfirsich, begleitet von einer elektrisierenden Säure und einem mineralstoffreichen Kern. Trotz der Wärme des Jahrgangs bleibt der Wein frisch und lebendig.
Abgang:
Kandierte Limette. Zeigt dabei eine Tiefe und Würze, die subtil an diesen warmen und trockenen Jahrgang erinnern. – Very good

Jenseits von Burgund öffnet sich ein weiter Horizont.

Was bleibt nun als Erkenntnis von solch einem vinophilen Abend? Nun, sicherlich, dass unser Host Alex ein Meister am Herd ist – und darüber hinaus auch ganz ordentliche Weine in seinem Keller hütet ;-).

Aber im Ernst. Obwohl wir in der Probe keine „ganz großen“, sprich Grand Cru oder GG Chardonnay hatten, zeigte sich doch deutlich das Potenzial dieser so vielseitigen Rebsorte. Sie ist sowohl in der Lage, Jahrgangstypizitäten wiederzuspiegeln (bsp. heiße Jahrgänge wie 2018 oder 2022 zeigten durchaus reife, warme Fruchtnoten und einen volleren Körper), als auch das Talent und den Einfluss des Winzers auf den Wein transparent zu transportieren (bsp. Lesezeitpunkt, Art und Umfang des Holzeinsatzes, etc.).

Die andere, und für mich persönlich auf Grund der massiven Preisentwicklung des Burgunds – durchaus erfreuliche, Erkenntnis zeigt sich in der steigenden Qualität der Weine, die nicht aus dem Burgund kamen. Mittlerweile gibt es auch in Österreich, Deutschland und anderen Teilen Frankreichs – vor allem de Jura – Chardonnays, die ihren großen Vorbildern von der Cote d’Or ebenbürtig sind oder werden können.

Ein Blick außerhalb der allseits bekannten Namen in Frankreichs Chardonnay Heimat lohnt sich also. Und hierüber wird sich nicht nur der Geldbeutel, sondern durchaus aus der versierte Gaumen freuen.

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