Bordeaux. Kaum ein anderer Name löst bei Weinliebhabern solch ehrfürchtiges Nicken und gleichzeitig so viele Fragezeichen aus. Für manche ist es das Synonym für Prestige, Geschichte und ewige Klasse. Für andere: ein verstaubtes Relikt, teuer, überbewertet und längst nicht mehr zeitgemäß. Beides stimmt – irgendwie. Und genau das macht Bordeaux so verdammt spannend.

Max Kaindl, 24. März 2025
Lesezeit etwa 4 Minuten

Bordeaux: Ruhm, Rebellion und der lange Schatten der Vergangenheit

Vom Schlamm zum Schampus der Könige

Fangen wir vorne an. Bordeaux ist nicht einfach nur eine Weinregion. Es ist die Benchmark. Seit dem 18. Jahrhundert liefern die Châteaux an Könige, Kaufleute und später an Sammler und Spekulanten. Die berühmte Klassifikation von 1855? Eine clevere PR-Aktion für die Weltausstellung in Paris, aber mit Langzeitwirkung wie ein Tattoo auf der Seele des Weinmarkts.

Die Weine? Hauptsächlich eine Cuvée aus Cabernet Sauvignon und Merlot, manchmal auch ein bisschen Petit Verdot und Cabernet Franc – klassisch, tief, langlebig. Bordeaux war jahrzehntelang das Maß aller Dinge. In den 80ern kam Parker, hypte, punktete – und Bordeaux explodierte. Preise stiegen, der Place de Bordeaux wurde zum Finanzmarkt des Weins, und große Namen wie Lafite, Margaux oder Latour entwickelten sich zu globalen Luxusmarken. Soweit, so legendär.

Ruhm ist vergänglich. Die Realität nicht.

Doch der Ruhm hat Risse bekommen. Massive sogar. Bordeaux steckt seit Jahren in der Krise. Warum?

Klimawandel

Es wird heißer, trockener, unberechenbarer. Der klassische Stil – Struktur, Frische, Eleganz – ist schwer zu halten, wenn die Trauben in Rekordzeit durchgären und der Alkohol durch die Decke geht.

Überproduktion

Bordeaux ist riesig. Über 100.000 Hektar – so viel wie gesamt Weindeutschland. Das bedeutet: viel Wein, aber nicht jeder auf dem Level von Château Margaux. Die Basisqualitäten? Schwierig zu verkaufen, vor allem bei schrumpfender Nachfrage und wachsender Konkurrenz aus der Neuen Welt – die oft günstiger, zugänglicher und einfach moderner auftreten.

Imageproblem

Für viele junge Weintrinker ist Bordeaux ein schweres Erbe. Verkompliziert, elitär, wenig transparent – und im Spitzenbereich teuer. Während andere Regionen mit Coolness, Authentizität und frischen Ideen glänzen, haftet Bordeaux oft das Label „Business as usual“ an.

Bordeaux kämpft – und das mit offenem Visier

Aber, und jetzt wird’s spannend: Bordeaux wäre nicht Bordeaux, wenn es sich kampflos ergeben würde. Seit ein paar Jahren kann man Veränderungen sehen. Reale, mutige, manchmal auch schmerzhafte Transformation.

Hier einige Beobachtungen:

Sortenwandel

Seit 2021 dürfen offiziell neue Rebsorten angepflanzt werden. Marselan, Touriga Nacional, Arinarnoa – das klingt nach Portugal oder Südfrankreich, ist aber Realität in Bordeaux. Eine historische Entscheidung, die zeigt: Die Region ist bereit, sich selbst zu hinterfragen.

Bio, Biodynamie & Co

Früher selten, heute immer öfter. Château Pontet-Canet hat es vorgemacht, viele folgen. Bordeaux lernt gerade, dass Nachhaltigkeit nicht nur ein Marketingbegriff ist, sondern die Voraussetzung für Zukunft.

Reduktion statt Expansion

Mehrere 1.000 Hektar sollen in den nächsten Jahren gerodet werden. Mehr als 10.000 wurden bereits gerodet. Ein krasser, aber notwendiger Schritt. Qualität vor Quantität – ein Motto, das Bordeaux lange ignoriert hat.

Stilistische Kurskorrekturen

Frischer, präziser, (zurück zu) weniger Alkohol, weniger Holz. Junge Winzer – oft Quereinsteiger oder Rückkehrer – bringen neuen Wind. Châteaux wie Les Carmes Haut-Brion, Château Le Puy oder Closeries des Moussis zeigen, dass es auch anders geht.

Und jetzt?

Bordeaux steht am Scheideweg. Die einen hängen am Mythos, die anderen fordern Revolution. Ich glaube: Der Mittelweg ist der richtige. Die Region muss sich treu bleiben – aber modern denken. Weniger Angeberei, mehr Authentizität. Weniger Masse, mehr Klasse. Und ganz wichtig: zuhören. Den Winzern, dem Markt, den Konsumenten.

Für mich persönlich bleibt Bordeaux faszinierend und meine erste große Rotweinliebe. Ich liebe die Tiefe, die Geschichte, die unglaubliche Bandbreite – vom kleinen Familienbetrieb im Fronsac bis zur Grand Cru-Legende in Pauillac. Aber ich erwarte mehr Ehrlichkeit. Mehr Mut. Mehr Charakter. Und nicht nur Glanz auf der Flasche. Denn Wein ist kein Statussymbol. Sondern ein Spiegel seiner Herkunft. Und Bordeaux hat jede Menge zu erzählen – wenn es sich traut, ehrlich zu sein.

Bilder: © The Art of Riesling – Maximilian Kaindl

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