Wenn ich an den Bayerischen Bodensee denke, denke ich zuerst an diesen Moment auf dem Boot vergangenen September. Später Abend. Die Alpen zeichnen sich dunkel am Horizont ab, der See liegt ruhig, fast schwer. Und plötzlich versteht man: Hier ist nicht der Wein der Mittelpunkt. Hier ist es das Wasser. Der See ist der eigentliche Dirigent. Die Region liegt am nordöstlichen Ufer des Bodensees, auf bayerischem Staatsgebiet. Zwischen Lindau und Nonnenhorn, mit Wasserburg und Bodolz dazwischen. Gerade einmal 90 Hektar Rebfläche. Ein Zusammenschluss aus 13 Winzern. Klein, ja. Aber aktuell vielleicht eine der spannendsten Bewegungen im deutschen Weinbau.
Max Kaindl, 22. Februar 2026
Lesezeit etwa 8 Minuten
Bayerischer Bodensee –
90 Hektar, 13 Winzer und ein Aufbruch, der sich größer anfühlt als die Fläche vermuten lässt

Eigenständig. Und bewusst nicht Württemberg.
Rein administrativ gehört der Bayerische Bodensee zum Anbaugebiet Württemberg. Stilistisch, klimatisch und geologisch ist er davon aber so weit entfernt wie kaum eine andere Teilregion in Deutschland.
Württemberg ist vielerorts eher warm, geprägt von Keuper, Muschelkalk, von Trollinger und Lemberger. Der Bayerische Bodensee hingegen ist Cool Climate in Reinform. Geprägt vom riesigen Wasserkörper des Sees, von alpiner Föhnströmung, von Gletschergeschichte. Hier geht es nicht um Kraft, sondern um Präzision. Nicht um Opulenz, sondern um Klarheit.
Im Glas erinnert mich vieles eher an einen kühlen Gebirgsbach als an das Bild, das viele von „Bodensee-Wein“ im Kopf haben. Kristallin. Straff. Salzig. Mit dieser fast eisigen Frische, die nur Regionen haben, in denen Schnee zur Lese schon sichtbar sein kann.
Was hier gerade passiert
Die 13 Winzer arbeiten aktuell mit bemerkenswerter Konsequenz an einem gemeinsamen Ziel: der g.U. „Bayerischer Bodensee“. Mit klaren Regeln für Erträge, Bewirtschaftung, Ausbau. Es geht nicht um Marketing. Es geht um Herkunft. Auch wenn ich dieses Wort mittlerweile in bestimmten Kontexten nicht mehr hören kann, macht es vielleicht an dieser Stelle so viel Sinn, wie sonst in wenigen Regionen. Der Grund dafür?
Hier zieht man wirklich gemeinsam an einem Strang. Ich kenne kaum eine Region in Deutschland, in der sich alle Betriebe so kompromisslos einem gemeinsamen Profil verschrieben haben. Keine Eitelkeiten. Kein Gegeneinander. Sondern ein klares Verständnis. Diese Region funktioniert nur als Kollektiv. Parallel dazu rückt der Fokus stärker auf Ortsweine – Nonnenhorn, Wasserburg, Bodolz und Lindau. Man beginnt, Unterschiede auf engstem Raum herauszuarbeiten. Herkunft wird nicht behauptet, sondern erschmeckbar gemacht. Auch die ersten Ansätze für Lagenweine sind bereits in Flaschen gefüllt.





Drumlin und seenahe Lage – zwei Welten auf 90 Hektar
Geologisch ist der Bayerische Bodensee kein Zufallsprodukt. Er ist das Resultat von Eis, Druck, Rückzug und Zeit. Ein Geschenk der Eiszeit. Der Rheingletscher hat hier nicht nur eine Landschaft hinterlassen, sondern ein Mosaik aus Mikroterroirs, das auf engstem Raum erstaunlich differenziert ist. Grundsätzlich gibt es zwei geologisch verschiedene „Herkünfte“ am Bayerischen Bodensee. Die Drumlins und die seenahen Lagen.
Die Drumlins
sind dabei das vielleicht markanteste Element. Diese langgestreckten, sanft gewellten Hügel wirken auf den ersten Blick fast unspektakulär. Und doch erzählen sie eine Geschichte von enormer Kraft. Der Rheingletscher schob hier Geröll, Kies, Sand und Moränenmaterial vor sich her, formte Hügelkörper, die heute wie grüne Wellen in der Landschaft stehen.
Die Böden auf diesen Drumlinhügeln sind meist saftig mit mehr Lehm- und Tonanteilen und kaum Kies. Wasser hält sich hier etwas länger. Dadurch sind die Böden etwas dicker. Dennoch ist der Humusanteil im Vergleich zu den seenahen Lagen etwas geringer, weshalb die Wüchsigkeit eher gering ausfällt.
Im Glas zeigen die Drumlin-Weine oft eine etwas rundere Textur, ohne jemals breit zu werden. Sie haben eine gewisse Geschmeidigkeit, eine leise Salzigkeit, manchmal eine fast maritime Note. Die Säure wirkt eingebunden, nicht spitz. Die Aromatik bleibt kühl, aber mit einem Hauch mehr Schmelz.
Die seenahen Lagen.
Diese strandnahen Weinberge sind ehemalige Uferterrassen des Ur-Bodensees. Als der Gletscher schmolz, lag der Wasserspiegel zeitweise deutlich höher. Mit dem Absinken entstanden Schotter- und Kiesablagerungen, teils durchsetzt mit fossilen Muscheln. Man läuft hier durch Geschichte und spürt sie unter den Füßen. Es gibt kaum Bodenauflage, fast reiner Kies und Schotter. Der Humusanteil ist dafür aber verhältnismäßig hoch. Das bedeutet: kleinere Beeren, sehr gute Drainage, oft etwas dickere Schalen. Die Reben müssen arbeiten. Und das spürt man im Glas.
Der See wirkt hier unmittelbar. Er speichert tagsüber Wärme und gibt sie nachts wieder ab. Er mildert Frost, verlängert die Vegetationsperiode, sorgt für ein etwas feuchteres Mikroklima. Der Austrieb ist oft später, die Reife gleichmäßiger. Extreme werden abgefedert.
Die Weine der seenahen Lagen wirken für mich oft straffer, linearer, kristalliner, fast sehnig. Mehr Zug, mehr vertikale Spannung. Die Säure steht klarer, die Kontur ist schärfer gezeichnet. Es ist eine kühle, drahtige Stilistik, wie an einem feinen Drahtseil gespannt. Keine Breite, kein Fett, sondern purer vertikaler Fokus.
Was mich nachhaltig beeindruckt hat: Diese Unterschiede sind nicht plakativ. Es ist kein dramatischer Kontrast. Es sind Nuancen. Aber genau diese Nuancen sind es, die Herkunft definieren.
- Drumlins stehen für Balance und Klimafeingefühl.
- Seenahe Lagen stehen für Spannung und Struktur.
Und beides existiert hier auf gerade einmal 90 Hektar in Sichtweite zueinander. Wenn man auf dem Boot hinausfährt und zurück auf die Ufer blickt, sieht man keine spektakulären Steillagen, keine monumentalen Terrassen. Man sieht sanfte Linien. Und doch liegt unter diesen Linien eine geologische Tiefe, die sich im Glas bemerkbar macht.
Für mich ist genau das die Essenz des Bayerischen Bodensees: Kein lautes Terroir. Sondern ein präzises.





Was den Bayerischen Bodensee einzigartig macht
Deutschland hat viele Cool-Climate-Regionen. Aber keine mit dieser Kombination:
- unmittelbare Alpennähe
- massiver Wasserkörper als Klimaregulator
- glaziale Böden aus Kies, Sand, Moränenmaterial
- Gemeinschaftliches Denken. 13 Betriebe, ein eng gefasstes Ziel.
Hinzu kommt die Offenheit für neue Rebsorten. Piwis wie Solaris oder Johanniter werden hier nicht als Notlösung gesehen, sondern bewusst in den besten Parzellen gesetzt. Nicht ideologisch, sondern pragmatisch. Das ist kein Traditionsbruch. Das ist nachhaltiges Weiterdenken.
Was mich besonders fasziniert: Diese Region definiert sich nicht über einzelne Stars oder ikonische Lagen. Sondern über ihr Gesamtbild. Über Klima, Wasser, Geologie.
Wo ich das langfristige Potenzial sehe
Je öfter ich am Bayerischen Bodensee bin, desto klarer wird mir: Diese Region hat nicht das Ziel, laut zu werden. Sie hat das Potenzial, präzise zu werden. Und Präzision setzt sich aus meiner Sicht langfristig immer durch.
Das größte Kapital hier ist nicht eine einzelne Rebsorte. Es ist nicht ein ikonischer Weinberg. Es ist das Zusammenspiel aus See, Eiszeitböden, alpinem Einfluss und – das ist entscheidend – echter Zusammenarbeit der 13 Winzer. Diese Geschlossenheit ist in Deutschland selten. Und genau sie wird über die Zukunft entscheiden.












Langfristig sehe ich drei große Potenzialfelder:
Cool-Climate-Kompetenz auf höchstem Niveau
Während viele deutsche Regionen zunehmend mit Hitze und Trockenstress kämpfen, wirkt der Bodensee wie ein natürlicher Klimapuffer. Der See speichert Wärme, aber er überhitzt nicht. Die Vegetationsperiode ist lang, die Reife langsam. Das ist in Zeiten des Klimawandels kein romantisches Detail, sondern ein struktureller Vorteil. Wenn es gelingt, diese kühle, kristalline Stilistik konsequent weiterzuentwickeln, kann der Bayerische Bodensee langfristig zu einer Art deutschem Referenzpunkt für alpines Cool Climate werden.
Herkunft über Gemeindeprofile
Die stärkste Entwicklung sehe ich in der Schärfung der Ortsweine. Nonnenhorn mit seiner oft schlankeren, kühleren Handschrift. Wasserburg etwas saftiger, strukturierter. Lindau mit der Kombination aus See- und Drumlinlagen. Wenn diese Unterschiede weiter klar herausgearbeitet werden, entsteht hier etwas, das in Deutschland oft fehlt: eine präzise, kleinteilige Herkunftserzählung auf engstem Raum, in der die einzelne Winzerstilistik in den Hintergrund rückt.
Mut zur Eigenständigkeit
Der Bayerische Bodensee wird niemals Mosel sein. Niemals Rheinhessen. Niemals Burgund. Und genau darin liegt seine Chance. Die Region muss nicht imitieren. Sie darf definieren. Wenn sie den Mut behält, ihren Stil nicht zu verwässern – kühl, fein, geradlinig, salzig –, dann kann hier eine Handschrift entstehen, die international verständlich ist. Denn Klarheit ist eine universelle Sprache.
Was mich am meisten überzeugt, ist die Mentalität. Hier wird nicht kurzfristig gedacht. Die Gespräche drehen sich nicht um Ratings oder schnelle Effekte, sondern um Boden, Reifeverlauf, Lesezeitpunkt, Ertragsreduktion, g.U.-Regelwerk. Das sind keine glamourösen Themen. Aber es sind die Richtigen.
Ich glaube fest daran. In zehn, fünfzehn Jahren könnte der Bayerische Bodensee eine der spannendsten deutschen Weinregionen sein. Nicht wegen Größe, sondern wegen Profil. Eine Region, die zeigt, dass Cool Climate in Deutschland nicht nur Mosel bedeutet. Sondern auch Alpenrand.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Stärke: Hier entsteht Identität nicht rückblickend, sondern live.











2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort
Macht Spaß zu lesen, danke! 🫶
Danke für dein liebes Feedback, Benni! 🙂