Es war schon eine Weile her, seit ich zuletzt bei Julian Huber in Malterdingen gewesen war. Umso größer war die Vorfreude, als ich im Frühjahr endlich wieder den Weg nach Baden antrat. Denn wenn es in Deutschland einen Betrieb gibt, der die Entwicklung des Burgunders in den letzten fünfzehn Jahren entscheidend geprägt hat, dann ist es Bernhard Huber. Und mittlerweile genauso sein Sohn Julian.
Max Kaindl, 07. Juni 2026
Lesezeit etwa 9 Minuten
Zu Besuch bei Julian Huber – 2024 zwischen Präzision, Feinheit und neuer Balance

Huber. Eine Standortbestimmung.
Wer sich heute mit deutschem Spätburgunder beschäftigt, kommt an einem Namen nicht vorbei: Huber. Das Weingut in Malterdingen hat den deutschen Burgunder in den vergangenen drei Jahrzehnten geprägt wie kaum ein zweiter Betrieb. Was Bernhard Huber hier aufgebaut hat, war weit mehr als ein erfolgreiches Familienweingut. Es war gewissermaßen der Beweis, dass deutscher Spätburgunder zur internationalen Spitze gehören kann.
Lange bevor Spätburgunder aus Deutschland international ernst genommen wurde, orientierte sich Bernhard Huber kompromisslos an den großen Vorbildern aus Burgund. Nicht durch Kopieren, sondern durch das Verständnis, dass große Weine im Weinberg entstehen. Niedrige Erträge, selektive Handlese, biologisch orientierte Bewirtschaftung und ein fast schon fanatischer Fokus auf Qualität waren in Malterdingen längst Standard, als vieles davon andernorts noch als exotisch galt.
Die Voraussetzungen dafür sind außergewöhnlich. Die Geschichte des Weinbaus in Malterdingen reicht über 700 Jahre zurück. Bereits die Zisterziensermönche erkannten die Ähnlichkeit der hiesigen Muschelkalkböden mit ihrer burgundischen Heimat und pflanzten hier Pinot Noir. Noch heute findet sich in alten Rebsortenbüchern für den Spätburgunder gelegentlich die Bezeichnung „Malterdinger“. Ein Hinweis darauf, welchen Ruf die Region einst genoss.
Mit dem frühen Tod von Bernhard Huber im Jahr 2014 übernahm sein Sohn die Verantwortung. Eine Aufgabe, die kaum größer hätte sein können. Denn ein solches Erbe trägt man nicht einfach weiter, man muss ihm gerecht werden.
Heute lässt sich sagen: Julian ist längst aus dem Schatten seines Vaters herausgetreten.
Er hat die kompromisslose Qualitätsphilosophie übernommen, gleichzeitig aber seine eigene Handschrift entwickelt. Vor allem bei den weißen Burgundersorten hat er in den vergangenen zehn Jahren Maßstäbe gesetzt. Seine Chardonnays gehören mittlerweile nicht nur zu den besten Deutschlands, sondern werden auch international als Referenz wahrgenommen.
Dabei beeindruckt mich an Julian vor allem eines: Trotz des enormen Erfolgs wirkt vieles erstaunlich unaufgeregt. Keine großen Inszenierungen. Kein Marketing-Lärm. Stattdessen maximale Konzentration auf Weinberg und Keller.
Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum die Weine heute so präzise wirken. Sie müssen nichts beweisen. Sie tun es einfach.
Ab in den Schlossberg
Bevor es aber an die Arbeit im Glas ging, fuhren wir hinaus in den Hecklinger Schlossberg. Eine Lage, die mittlerweile zu den großen Referenzen für Spätburgunder und Chardonnay in Deutschland zählt. Über uns die Ruine Lichteneck, unter uns die steilen Muschelkalkhänge, die mit ihren hellen, steinigen Böden eher an Burgund als an das klassische Bild Badens erinnern.
Julian zeigte mir alte Rebanlagen, sprach über die Herausforderungen der extremen Steillagen und führte mich anschließend noch zu einem neu angelegten Jungfeld in Dichtpflanzung. Über 13.000 Rebstöcke pro Hektar. Winzige Erträge. Maximale Konkurrenz zwischen den Reben. Wer Julian kennt, weiß, dass solche Entscheidungen nie zufällig getroffen werden.



Zurück im Weingut
Dort wartete dann die eigentliche Hauptattraktion des Tages: die Verkostung der 2024er Kollektion. Und die hatte es in sich.
2024 ist mengenmäßig ein dramatisch kleiner Jahrgang. Vielleicht sogar kleiner als 2021. Die Frostschäden und die geringe Erntemenge sorgten dafür, dass viele Weine nur in homöopathischen Mengen verfügbar sein werden. Die Qualität hingegen steht dazu in bemerkenswertem Kontrast.
Anmerkung: Alle Weine wurden am Tag zuvor von Julian aus den Fässern gezogen.
Meine Tasting Notizen
Die weißen Burgunder – für mich die Überraschung des Jahres
Bei Huber war ich über viele Jahre stets Team Rot. Nicht weil die Chardonnays qualitativ schwächer gewesen wären. Im Gegenteil. Die Weine waren oft brillant. Aber die sehr ausgeprägte Reduktion, die Julian insbesondere seit Mitte der 2010er Jahre zu einem Markenzeichen gemacht hatte, war mir persönlich häufig etwas zu plakativ. Zu oft stand die Stilistik vor der Herkunft.
2024 habe ich das zum ersten Mal anders erlebt. Die Reduktion ist noch da. Aber sie wirkt feiner. Integrierter. Selbstverständlicher. Die Weine sprechen wieder stärker über ihren Ursprung.
Malteringer Chardonnay, 2024
Bereits der Malterdinger Chardonnay zeigt das eindrucksvoll.
Straff, saftig und erstaunlich druckvoll für einen Jahrgang, der eigentlich eher von Feinheit als von Konzentration lebt. Die Reduktion bleibt dezent im Hintergrund und gibt dem Wein Struktur, ohne ihn zu dominieren.


Chardonnay Alte Reben, 2024
Noch spannender wird es beim Chardonnay Alte Reben aus Rebstöcken der 1950er Jahre.
Hier kommt deutlich mehr Tiefe ins Spiel. Mehr gelbe Frucht, mehr Extrakt, mehr Druck. Gleichzeitig besitzt der Wein eine herrlich zupackende Säurestruktur und eine Länge, die weit über seine Gewichtsklasse hinausgeht.
Bienenberg Chardonnay GG, 2024
Der Bienenberg Chardonnay GG zeigt sich dagegen noch deutlich verschlossener.
Salz, Druck, Struktur. Viel Spannung. Viel Zukunft. Ein Wein, der sein Potenzial aktuell mehr andeutet als preisgibt.


Schlossberg Chardonnay GG, 2024
Der Schlossberg Chardonnay GG geht noch einen Schritt weiter.
Dunkler, würziger, salziger. Extrem fest gespannt. Ein Wein wie ein Drahtseil. Im Moment beinahe unnahbar. Aber genau solche Weine entwickeln später oft die größte Magie.
Und ja, der Wein hat insgesamt relativ viel Reduktion. In 2024 jedoch aus meiner Sicht deutlich harmonischer und eingebundener als in den Jahren zuvor.
Die Rotweine – Huber bleibt Huber
Bei den Spätburgundern fiel mir sofort eine weitere Veränderung auf. Julian verzichtet im Jahrgang 2024 komplett auf neues Holz. Eine Entscheidung, die den Weinen spürbar guttut. Die Frucht steht klarer im Vordergrund. Die Herkunft wirkt präziser. Nichts wird überlagert. Die Weine zeichnen sich in 2024 weniger durch den immensen Druck und Tiefe der Vorjahre aus, dafür mehr durch ihre hochfeine klare Frucht und Saftigkeit.
Spätburgunder Alte Reben, 2024
Bereits der Alte Reben Spätburgunder zeigt viel von dem, was den Jahrgang auszeichnet.
Frische Kirsche, lebendige Säure, saftige Struktur und ein noch leicht rauer Gerbstoff, der sich mit weiterer Fassreife sicher harmonisieren wird.


Hecklinger Spätburgunder, 2024
Der Hecklinger Spätburgunder gefiel mir persönlich noch etwas besser.
Heller, seidiger und deutlich tänzelnder. Ein Wein voller Energie und Eleganz.
Bienenberg Spätburgunder GG, 2024
Das Bienenberg GG wirkt dagegen etwas kompletter.
Die Tannine sind bereits erstaunlich fein, die Balance beeindruckend. Rotfruchtig, offen und mit einer Länge ausgestattet, die ihn klar als Großen Gewächs-Kandidaten ausweist.


Schlossberg Spätburgunder GG, 2024
Das eigentliche Highlight war für mich jedoch der Schlossberg. Was Julian hier im Fass hatte, war schlicht beeindruckend.
Glockenklar. Hochfein. Elegant. Dicht verwoben und gleichzeitig völlig schwerelos. Ein Wein mit dieser seltenen Mischung aus Kraft und Leichtigkeit, die große Spätburgunder auszeichnet.
Wenn alles so bleibt, wie es sich aktuell andeutet, dürfte das einer der ganz großen deutschen Pinots des Jahrgangs werden.
Eine Handschrift statt vieler Stile
Spannend fand ich auch Julians Ansatz, die einzelnen Lagen immer stärker über Herkunft statt über Kellerstil sprechen zu lassen. Anders als sein Vater verfolgt er heute das Ziel, alle Chardonnays weitgehend gleich auszubauen. Dasselbe gilt für die Spätburgunder. Die Unterschiede sollen aus Jahrgang und Lage entstehen. Nicht aus unterschiedlichen Kellertechniken. Ein Ansatz, der für mich absolut Sinn ergibt. Denn wenn man die 2024er nebeneinander probiert, wird genau das sichtbar. Die Handschrift bleibt konstant. Die Herkunft der einzelnen Lagen übernimmt die Hauptrolle.
Und dann war da noch der Sekt
Fast beiläufig, irgendwo zwischen Chardonnay und Spätburgunder, stand an diesem Nachmittag auch ein Blanc de Noirs Brut Nature 2017 auf dem Tisch. Und er erinnerte mich daran, dass man bei Huber manchmal vergisst, wie gut sie eigentlich auch Sekt können.
Die Familie hat hier schließlich keine ganz neue Disziplin für sich entdeckt. Schon Bernhard Huber beschäftigte sich intensiv mit der traditionellen Flaschengärung. In den letzten Jahren standen die großen Chardonnays und Spätburgunder jedoch so stark im Fokus, dass die Sekte etwas aus dem Rampenlicht geraten sind. Zu Unrecht.
Blanc de Noirs Sekt, 2017
Der Blanc de Noirs 2017 zeigte sich würzig, leicht speckig und angenehm reif. Nichts Lautes, nichts Vordergründiges. Stattdessen viel Ruhe, feine Autolyse, eine präzise Struktur und genau die Balance aus Frische und Reife, die große Schaumweine auszeichnet.
Kein Sekt, der beeindrucken möchte. Sondern einer, der mit jedem Schluck mehr Substanz offenbart. Vor allem aber passt er perfekt zur Handschrift des Hauses. Straff, präzise, klar definiert und völlig frei von Effekthascherei.

Wenn man sieht, wie selbstverständlich Julian Huber heute mit Chardonnay arbeitet und wie präzise die Grundweine aus den Kalk- und Muschelkalklagen ausfallen, überrascht das eigentlich nicht. Die Voraussetzungen für große Schaumweine sind in Malterdingen seit Jahren vorhanden. Und wenn die Entwicklung der letzten Jahre ein Hinweis ist, dann dürfte dieses Kapitel in Zukunft noch deutlich spannender werden, als viele aktuell auf dem Schirm haben.
Ein neues Projekt mit viel Potenzial
Zum Abschluss zeigte mir Julian noch ein Projekt, das er gemeinsam mit seinem langjährigen Freund Martin Räpple aufgebaut hat. Martin besitzt eine kleine, dicht bepflanzte Chardonnay-Parzelle am Kaiserstuhl, deren Trauben er bisher in die Winzergenossenschaft geliefert hatte. Reiner Vulkanboden. Rund 11.000 Rebstöcke pro Hektar. In 2023 haben die beiden sich zusammengeschlossen und die Trauben aus der Winzergenossenschaft heuausgekauft, um daraus einen eigenen Wein zu vinifizieren. Der daraus entstandene Oberrottweiler Chardonnay 2023 zeigte bereits sehr schön, wohin die Reise gehen könnte.
Oberrottweiler Chardonnay, 2023
Gelber in der Frucht als die Malterdinger Weine. Etwas wärmer. Etwas großzügiger. Gleichzeitig aber klar strukturiert und mit schöner Länge ausgestattet.
Noch fehlt ihm die Tiefe und Präzision der großen Huber-Chardonnays. Aber genau das macht solche Projekte spannend. Man kann ihre Entwicklung von Anfang an begleiten.
In 2023 war Julian der Ertrag etwas zu hoch, deshalb hat er den Wein bewusst zu einem Ortswein abgestuft. Ab dem Jahrgang 2024 wird dann die Lage auf dem Etikett stehen.

Was bleibt nach diesem Tag?
Ich hätte vor dem Besuch nicht gedacht, dass ich einmal sagen würde, dass mich die Weißen Burgunder bei Weingut Bernhard Huber mindestens genauso begeistern wie die Roten. 2024 ist genau so ein Jahr. Die Rotweine zeigen vieles von dem, was man von Julian Huber erwartet: Präzision und Frische.
Die eigentliche Überraschung sind für mich jedoch die Chardonnays. Feiner. Klarer. Weniger stilistisch aufgeladen. Mehr Herkunft, mehr Ruhe, mehr Balance. Zum ersten Mal seit langer Zeit habe ich bei Weingut Bernhard Huber nicht das Bedürfnis, mich zwischen Rot und Weiß entscheiden zu müssen. Beide stehen für mich 2024 auf Augenhöhe. Vielleicht sehe ich die Weißen sogar einen Hauch vorne. Nicht weil sie größer wären. Sondern weil sie für mich die spannendste Entwicklung des gesamten Jahrgangs erzählen.









