Es gibt Weingüter, die man respektiert. Und es gibt Weingüter, die einen irgendwann wirklich berühren. Bei Kissinger–Bähr war es für mich genau dieser Übergang. Und er kam mit dem Jahrgang 2024.
Max Kaindl, 22. Februar 2026
Lesezeit etwa 8 Minuten
Kissinger-Bähr –
Zwischen Roter Hang, Rheinebene und einer neuen Selbstverständlichkeit

Ich kenne Moritz Weine seit seinen ersten eigenen Füllungen 2018. Kennengelernt haben wir uns allerdings erst später. Damals war mir schnell klar: Hier denkt jemand anders. Hier wird nicht einfach der elterliche Betrieb fortgeschrieben, hier wird neu sortiert. Moritz kam aus Geisenheim, hatte bei Wagner-Stempel, Raumland, Gutzler gelernt, war in der Champagne bei Cédric Moussé, hatte Burgund im Kopf, Jura im Herzen und Rheinhessen im Blut. Eine Mischung, die nicht alltäglich ist.
Und doch muss ich ehrlich sagen: So sehr ich die frühen Jahrgänge fachlich bewundert habe, ganz gepackt haben sie mich emotional nicht immer. Sie wirkten auf mich ambitioniert, mutig, texturbetont, mit bewusstem Sauerstoff, Malo, Gerbstoff, oxidativem Einschlag. Stark, ja. Aber manchmal vielleicht noch etwas auf der Suche.
2024 ist anders.






Ein neues Kapitel – auch im Namen
Seit dem Jahrgang 2024 arbeiten Moritz und seine Frau Jasmin offiziell unter dem Namen Kissinger–Bähr. Und man spürt, dass hier nicht nur ein Bindestrich hinzugekommen ist, sondern eine neue Dynamik.
Jasmin, ausgebildet in Dijon im Bereich Weinmanagement, bringt Struktur, Klarheit, Weitblick und gleichzeitig eine enorme Begeisterung für Herkunft. Die beiden wirken nach außen mit einer fast französischen Leichtigkeit. Lebemenschen. Genießer. Menschen, die gutes Essen und Wein nicht nur konsumieren, sondern mit einer seltenen Leichtigkeit zelebrieren. Und vielleicht ist genau das der Schlüssel. Ihre Weine entstehen nicht isoliert. Sie entstehen in einem Verständnis von Kultur.
Bis 2023 war der Riesling im Wesentlichen ein Solist in Moritz Portfolio. Seit 2024 bewirtschaften Moritz und Jasmin nun eigene Parzellen am Roten Hang. Im Hipping, im Pettenthal, im Orbel, im Dienheimer Kreuz sowie Tafelstein und Oppenheimer Herrenberg. Damit erweitert sich das Portfolio nicht nur quantitativ, sondern vor allem qualitativ und stilistisch erheblich.
Vom Einzelriesling zum differenzierten Lagenportfolio. Das ist ein mutiger Schritt. Was mich besonders beeindruckt: Diese neuen Lagen werden nicht einfach in das bestehende Schema gepresst. Sie dürfen für sich sprechen.
Uelversheim: kein Mythos, sondern eine Chance
Uelversheim. Die Heimat von Moritz. Der Ort liegt nicht im Epizentrum des deutschen Weinhypes. Kein ikonischer Ortsname. Kein Postkarten-Ruf. Und doch unweit des Roten Hangs, mitten in der Rheinebene, mit alten Reben aus dem Familienbestand in vierter Generation.
Moritz hatte von Anfang an die Freiheit – und den Mut –, dieses vermeintlich unscheinbare Terroir neu zu lesen. Biodynamisch, mit Fokus auf Bodenleben, auf Diversität, auf langfristige Vitalität statt kurzfristiger Korrekturen. Keine reflexartige Intervention, sondern ein Aufbau von Widerstandskraft.
Im Keller arbeiten die beiden mit Spontangärung, minimalen Eingriffen, biologischem Säureabbau für Stabilität, langem Hefelager, Abfüllung ohne Filtration und wenig Schwefel.




2024: der Jahrgang, der mich wirklich abgeholt hat
Ich hatte die 2024er Rieslinge im vergangenen Jahr mehrfach im Glas. Blind, offen, im direkten Vergleich. Und ich war ehrlich überrascht, wie sehr mich diese neue Kollektion berührt hat.
Was hat sich verändert?
Für mich wirken die Weine klarer. Fokussierter. Erwachsener.
Die Textur ist immer noch da. Diese typische Kissinger-Cremigkeit durch Malo und langes Hefelager. Aber sie steht nicht mehr im Vordergrund. Die Herkunft ist präziser herausgearbeitet.
Mit den neu übernommenen Parzellen am Roten Hang und in Dienheim bekommt das Portfolio 2024 eine völlig neue Dimension.
Anmerkung: In meinen Verkostungsnotizen werde ich im Detail nur auf die trockenen Weine eingehen. Jasmin und Moritz haben in 2024 zwar auch erstmalig zwei Kabinette vinifiziert, die jedoch in derart kleiner Auflage erschienen sind, dass sie bereits wieder vergriffen sind. Wer jedoch einen Glückgriff landen und die ein oder andere Falsche Pettenthal oder Hipping Kabinett finden sollte, darf sich über eine der überzeugendsten Kabinett Weine aus Rheinhessen freuen. Ich war hin und weg, als ich die Kabis erstmalig im Glas hatte und bin bis heute ein riesen Fan dieser feinen, präzisen, kristalinen, ja tänzelnden Stilistik.
Meine Tasting Notizen
2024er trockene Rieslinge
Rheinriesling 2024
Der Einstieg in die neue Rieslingwelt von Kissinger-Bähr. Ein Grenzgänger zwischen Löss, Kalkmergel und Rheinfront. Grapefruit, Orangenblüte, grüne Mandarine, Zitronenmelisse. Im Mund saftig, tänzelnd, mit geschmeidiger, fein integrierter Säure. Der Wein durchläuft die Malo, wirkt dadurch runder, aber niemals weich. Es ist diese nonchalante Balance zwischen oxidativer Würze und vibrierender Frische, die Jasmin und Moritz mittlerweile meisterhaft treffen. Ein Wein, der Spaß macht und dennoch ernst genommen werden will.


Pettenthal 2024
Für mich der komplexeste Wein der Kollektion. Dunkle Würze, warme Apfeltarte, Nelke, Zitronengras. Am Gaumen enormer Salzbiss, straffer Zug, tief strukturiert. Kein lautes Statement, sondern ein Strukturwein mit Substanz. Das ist Roter Hang mit Klarheit nicht mit Schwere.
Hipping 2024
Feiner, heller, eleganter als das Pettenthal. Nektarine, Orangenabrieb, roter Weinbergspfirsich, ein Hauch Anis. Der oft mediterrane Einschlag des Hipping ist im kühleren 2024 deutlich gezügelt. Statt Opulenz: Spannung. Statt Breite. Kristalline Linie bis in die letzte Haarspitze.


Orbel 2024
Hier wird es anders. Cremiger, mit mehr Schmelz. Quitte, gelbes Steinobst, feine Rauchigkeit. Der Ausbau im kleinen Holz verleiht eine andere Dimension. Moritz sagte selbst, dass sie hier anders gearbeitet haben. Für meinen persönlichen Geschmack ist der Wein zu cremig, zu geschliffen. Aber man spürt, dass sie die Lagen lernen. Sie tasten sich heran. Und genau dieses Bewusstsein macht den Wein so interessant.
Kreuz 2024
Kalkstein pur. Kühl, steinig, Zitruszeste, Pfefferminze, zerstoßene Muschelschale. Sehr straffer Antritt, saftig-mineralischer Puffer im Mittelbau. Klassisch nördliches Rheinhessen, aber mit dieser Kissinger-eigenen Textur, die den Wein nie karg wirken lässt.

Die restliche 2024er Kollektion
Was bei Kissinger–Bähr oft unterschätzt wird: Das breite Spektrum.
Anmerkung: Den Weissburgunder und Sauvignon Blanc hatte ich in letzter Zeit nicht im Glas, dementsprechend keine aktuellen Notizen. Deshalb beschreibe ich die beiden Weine hier nicht näher.
Deutsche Winzersekt Extra Brut Nr. 4
Weißburgunder, Chardonnay, Pinot Noir, Grundweine im kleinen und mittleren Holz. In der Nase weiße Birne, frischer Ingwer, Fenchelsaat, weißer Pfirsich. Am Gaumen extrem pikant, salzig, mit viel Struktur. Die Perlage trägt die Spannung, aber der Kern ist stoffig. Erinnert mich stilistisch ein wenig an Emmanuel Brochet. Vielleicht noch nicht ganz so fein, aber mit enormer Energie. Ein Sekt für Freaks. Und das ist als Kompliment gemeint.


0 Ohm Weiß 2024
Chardonnay und Weißburgunder von Löss, Kalkstein, Rotliegend. Kalkwürze, reduktive Spannung, minimal oxidativer Touch. Sommerapfel, Limettensaft, Dill, Feuerstein. Straff im Antritt, salzig unterlegt, viel Zug. Und darunter diese cremige Textur vom langen Hefelager. Ein Wein zwischen Chablis und Jura, aber mit rheinhessischer Saftigkeit. Schlank, verspielt, eigen. Und unfassbar trinkig.
Chardonnay 2023
Rauchig-reduktiv, höchste Spannung im Weißwein-Portfolio. Kräuter, Zündplättchen, grüne Birne, Limettenzeste. Die Säure läuft wie ein Laserstrahl durch den Wein. Feinnussige Oxidation, niedriger Schwefel, eine gewisse Wildheit. Kalkstein pur. Kein gefälliger Chardonnay, sondern ein Charakterwein mit Grip und Länge.


Spätburgunder 0 Ohm 2024
Saftige dunkle Kirsche, Holunder, eine Prise Zimt. Darunter steinige Kühle, fast wie Lavagestein. Im Mund knackig wie eine gerade-so-reife Blaubeere. Hauchzarte Tannine, viel Frische, enormer Trinkfluss. Ein Pinot mit Beaujolais-Anmutung. Saftig, präzise, kristallklar. Ein Wein, der im Glas verschwindet, weil man ihn einfach viel zu schnell austrinkt.
Mehr Franzosen als Deutsche?
Manchmal habe ich das Gefühl, Moritz und Jasmin denken eher wie Winzer aus Burgund oder der Champagne als wie klassische Rheinhessen-Betriebe. Nicht im Stil, sondern im Mindset. Es geht nicht um Lautstärke. Nicht um schnelle Effekte. Sondern um Geduld, um Textur, um Balance zwischen Säure, Struktur und Frucht. Keine Angst vor Sauerstoff, sondern Vertrauen in Stabilität.
Und doch sind die 2024er weniger „Statement“ als frühere Jahrgänge. Sie wirken selbstbewusster. Selbstsicherer mit einem neuen Selbstverständnis. Nicht mehr auf der Suche nach Abgrenzung, sondern angekommen in einer eigenen Handschrift.
Warum ich glaube, dass hier etwas Nachhaltiges entsteht
Ich habe in den letzten Jahren viele junge Betriebe begleitet. Viele Aufbrüche gesehen. Viele erste Hypes. Aber nur selten habe ich eine Entwicklung erlebt, die sich so organisch, so logisch und gleichzeitig so konsequent anfühlt wie bei Kissinger–Bähr.
Hier gab es keinen radikalen Stilbruch. Kein lautes „Ab jetzt machen wir alles anders“. Kein kalkuliertes Rebranding. Sondern ein leises, aber deutliches Erwachsenwerden. Die frühen Jahrgänge waren geprägt von Experimentierfreude, von bewusster Reibung, von Textur und Oxidation als Statement. Das war spannend und wichtig. 2024 hingegen wirkt nicht mehr wie ein Ausrufezeichen. Sondern wie ein Punkt. Ein gesetzter, selbstbewusster Punkt. Was mich besonders beeindruckt: Die Weine wirken heute nicht mehr wie eine Idee, die umgesetzt wird. Sie wirken wie eine Idee, die verstanden wurde.
Die Balance zwischen Malo, Textur, Säure und Herkunft sitzt präziser. Die Gerbstoffe sind feiner eingebunden. Die Oxidation ist kein Stilmittel mehr, sondern ein Werkzeug. Der Holzeinsatz wirkt selbstverständlicher. Nichts schreit mehr nach Aufmerksamkeit und genau deshalb bekommt es sie.
Gerade die Rieslinge vom Roten Hang zeigen für mich, wohin die Reise gehen kann. Wenn es Jasmin und Moritz gelingt, die Unterschiede zwischen Hipping, Pettenthal und Orbel in den kommenden Jahren noch klarer herauszuarbeiten, dann entsteht hier eine echte Lagenhandschrift. Eine, die nicht kopiert, sondern interpretiert.
Langfristig sehe ich ihr Potenzial genau in dieser Kombination:
- (biodynamische) Konsequenz im Weinberg
- Minimalismus mit Erfahrung im Keller
- Textur als Markenzeichen
- und eine immer klarer werdende Herkunftsdefinition
Wenn sie diesen Weg mit derselben Disziplin und gleichzeitig mit dieser Leichtigkeit weitergehen, dann ist der Platz von Kissinger-Bähr in der deutschen Spitze nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich. Nicht als lauter Shootingstar. Sondern als ernstzunehmende, stilprägende Stimme aus Rheinhessen. Denn hier entsteht nicht einfach Wein. Hier entsteht Identität.








